Bislang nur als Computergraphik: Ein Shopping-Center in der
Freitag, 10.06.2005
Offizieller Baubeginn für Petersburgs China-Town
St. Petersburg. Eine hochrangige Abordnung aus China legte gestern den Grundstein für die „Baltische Perle“, ein Wohnviertel von der Größe einer Kleinstadt. Am selben Tag besuchte der Sultan von Brunei die Stadt.
Wer die Abenteuer der beiden Comic-Helden Asterix und Obelix im Kopf hat, wird angesichts der gestrigen Ereignisse umgehend an „Die Trabantenstadt“erinnert: Ein fremdes Volk (die Römer) errichten mitten in der Natur eine moderne und für damalige Verhältnisse riesige Wohnsiedlung, um das Land der Gallier zu kolonisieren. Statt Cäsar und seiner Präfekte hatte sich gestern aber eine prominent besetzte Delegation von Investoren und Politikern aus China eingefunden, um den Grundstein für das bisher größte chinesische Investitionsprojekt in Russland zu legen: die ca. 1 Milliarde Euro teure Satellitenstadt „Baltische Perle“, die innerhalb der nächsten acht Jahre aus dem sumpfigen Boden direkt an der Ostsee gestampft werden wird.
Vergeblicher Widerstand gegen den Riesenbau
Gouverneurin Valentina Matwijenko sprach von einem historischen Moment. Auch German Gref, Minister für wirtschaftliche Entwicklung, baute die Historie in seine Rede ein, indem er an die Widerstände gegen den Bau von Peterburg unter Peter dem Großen erinnerte, die dieser schließlich überwunden habe.
Damit sprach er die Opposition der örtlichen Bevölkerung an, die während der Planungsphase des asiatischen Bauprojekts bei öffentlichen Anhörungen zum Ausdruck gekommen war. Da die – zum Großteil xenophob motivierten – Argumente der Anwohner angesichts der gewaltigen Investitionssumme aber offenbar wenig beeindruckten und sie im Gegensatz zu den Galliern über keinen Zaubertrank verfügten, mußten sie sich aber fügen.
Des weiteren bezeichnete Gref den Bau als ein mutiges Projekt zweier großer Völker. Diesen Worten schlossen sich der Vizepremier des chinesischen Staatsrates, Zen Pejang, und der Vizebürgermeister von Schanghai, Tscho Juigen, an und dankten für die schnelle Abwicklung der Vorbereitungsarbeiten durch die örtlichen Behörden.
Von der Kinderkrippe bis zur Badeanstalt
Das Vorhaben ist in der Tat gigantisch. Auf einer Fläche von 164 Hektar am südwestlichen Stadtrand soll innerhalb von fünf Jahren Wohn- und Lebensraum für über 35.000 Menschen entstehen. Neben Wohnungen mit einer Gesamtfläche von über einer Million Quadratmetern gehört die gesamte Infrastruktur einer Kleinstadt dazu. Unter anderem werden fünf Kindergärten, vier Schulen und zwei Polykliniken gebaut.
Sogar eine Kunstschule und eine Badeanstalt sind eingeplant. Natürlich ist auch großzügig Fläche für Handel und Wirtschaft eingeplant. Trotz Sport- und Grünanlagen sind die Wohnkomplexe aber ganz offensichtlich so dicht angelegt, dass für die Investoren dabei ein maximaler Gewinn herausschaut. Chinesischen Bürgern soll nur maximal ein Prozent der Wohnungen verkauft werden, beruhigen die Initiatoren.
Der reichste Potentat der Welt war parallel zu Gast
Am selben Tag unternahm auch der reichste Mann der Welt, der Sultan des südostasiatischen Landes Brunei, Chadschi Chassanap Muisiddin Waddaula, einen Abstecher nach St. Petersburg. Wegen der Ankunft des dutzendfachen Milliardärs und Staats-Chefs - und darum ebenfalls aussichtsreichen Investors und Rüstungsgüterkäufer – war zeitweise der Verkehr auf einigen Stadtrouten gesperrt. Grund für seinen Besuch waren neben einer Visite in Peterhof und in der Eremitage geschäftliche Interessen auf den Gebieten Tourismus und Energie. Brunei ist trotz seiner geringen Fläche einer der weltweit größten Erdöl- und Gaslieferanten.
Toyota und Ikea stehen Spaten bei Fuß
Damit aber nicht genug, das Grundsteinlegen durch asiatische Großinvestoren geht in Petersburg munter weiter: Am Dienstag sind die Japaner mit dem geplanten Toyota-Werk in Flughafennähe an der Reihe. Erst am Donnerstag dürfen dann auch mal Europäer einen Stein ins Petersburger Umland rammen: Dann ist offizieller Baubeginn für einen Shopping-Komplex von Ikea in Bugry im Norden der Stadt.
Das Grundsteinlegen in den Weißen Nächten sei in Petersburg offenbar bereits so populär, dass man daraus eine Touristenattraktion machen könnte, ätzt heute die Zeitung „Delowoj Peterburg“. Durch massenweises Steine legen, bei dem jeder Besucher der Stadt einen eigenen Grundstein einklopft, ließen sich beispielsweise sehr günstig ganze Straßen pflastern ...
(eva/.rufo)
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)