Von Susanne Brammerloh (St. Petersburg) Wer in einer Stadt lebt, wo nach altem Sowjetmythos „jeder Stein Lenin kennt“ und die zudem immer über ein phänomenales Langzeitgedächtnis verfügte, kommt an einem Tag wie heute ungewollt ins Grübeln. Schneeregen fällt in langen Bindfäden vom Himmel – bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür, und Gott und Gorbatschow sei Dank, dass die lästige Pflicht zur Teilnahme an der Demonstration zu Ehren des X-ten Jahrestages der „Grossen sozialistischen Oktoberrevolution“ der Vergangenheit angehört.
Das Volk sitzt zu Hause, schläft aus, schlürft Tee und macht sich einen faulen Tag – mitten in der Arbeitswoche eine willkommene Gelegenheit zum Ausruhen. Zwar ist und bleibt der 7. November ein „roter Tag im Kalender“, auch wenn er heute „Tag der Eintracht und Versöhnung“ genannt wird – aber was da eigentlich gefeiert wird, weiss immer noch keiner so recht, und die meisten interessiert es auch herzlich wenig.
Die Jungen und Dynamischen freuen sich über den freien Tag oder nutzen die Gelegenheit, liegengebliebende Arbeit nachzuholen. Manche Ältere und Sowjetzeit-Nostalgiker seufzen der verlorenen Zeit nach, „wo alles besser war“, die Wurst 1,90 Rubel das Kilo kostete, man keine Angst vor dunklen Gestalten im Treppenhaus zu haben brauchte. Aber nur noch die ganz Unentwegten marschieren freiwillig unter Roten Fahnen über den Newski Prospekt zum Schlossplatz. Dieses Jahr waren es zwischen 6000 und 12000, so genau wusste das die Agentur RIA-Nowosti auch nicht. Und, wie rührend, eine Delegation der Kommunistischen Partei Finnlands war wie üblich auch wieder dabei.
Wie immer die politische Einschätzung der Ereignisse von 1917 ausfallen mag – unbestritten bleibt, dass die Machtübernahme der Bolschewiki tatsächlich „die Welt erschütterte“, wie John Reed damals schrieb, und den Gang der Geschichte im 20. Jahrhundert entscheidend beeinflusste. Mit den Folgen der damals aufkeimenden „Sowjetmacht“, die sich im Endeffekt zu einem totalitären Regime mit polizeistaatlicher Überwachung bis in die privateste Sphäre jedes Einzelnen hinein auswuchs, hat die russische Gesellschaft bis heute zu kämpfen. Es werden wohl noch mehrere Generationen heranwachsen müssen, bis der „homo sovieticus“ aus dem russischen Menschen verschwindet und (hoffentlich) einer freieren und unabhängigeren Spezies Platz machen wird.
Für St. Petersburg, wo sich heute vor 84 Jahren der „Sturm auf das Winterpalais“ ereignete und die erste „Regierung der Diktatur des Proletariats“ gebildet wurde, hatte der Umsturz vehemente Folgen. Diese Stadt, die doch als Symbol des Russischen Kaiserreiches gegründet worden war, hatte den revolutionären Unterboden aus dem riesigen Arbeiterpotential der grossen Fabriken sozusagen selbst in sich herangezogen. Es steckt eine gewisse Tragik darin, dass Petersburg sich mit der vollbrachten Revolution im Endeffekt selbst seine Existenzberechtigung entzog.
Die Ereignisse kamen ins Rollen, als Zar Nikolaus II. im März 1917 zur Abdankung gezwungen wurde. Die Unentschlossenheit der daraufhin eingesetzten Provisorischen Regierung unter Alexander Kerenski angesichts der dringenden Probleme des Landes im dritten Jahr des I. Weltkrieges liess ein gefährliches Machtvakuum entstehen. Die einzigen, die in dieser Situation Willen und Mut zur Macht zeigten, waren die wild entschlossenen, fanatischen Bolschewiki unter ihrem Führer Wladimir Lenin. Die Beziehung zwischen ihm und der Stadt beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit, denn auch er kannte so gut wie jeden Stein in Petrograd – die Gedenktafeln an so vielen Häusern, die bis heute penibel jeden Besuch, jede Rede und jedes konspirative Versteck von Iljitsch aufzählen, lassen jedenfalls darauf schliessen.
Aus seiner letzten Zuflucht in einer Wohnung auf der Wyborger Seite war er schliesslich am Vorabend des Umsturzes verkleidet in den Smolny, das Hauptquartier der Roten Garden, geschlichen, wo man ihn nicht einmal einlassen wollte, weil er keinen gültigen Passierschein hatte. Aber das ist nicht mehr als eine der vielen Anekdoten der Geschichte. Die Dinge wären kaum anders gelaufen, wenn Lenin sich schmollend umgedreht und davongegangen wäre.
Das siegreiche Proletariat hat es Petrograd nicht gedankt – bereits im März 1918 kehrte es seinem Sprungbrett zur Macht den Rücken, und Lenin & Co. zogen nach Moskau um. Die imperiale Kaiserstadt war dann doch nicht die richtige Kulisse für das, was jetzt kommen sollte. Der erste Arbeiter- und Bauernstaat der Welt brauchte Neues, Ungesehenes – auch in der Architektur. Dafür eignete sich die harmonisch gefügte barocke und klassizistische Stadt an der Newa wenig, die zudem in ihrem ganzen Aussehen und in ihrem Selbstverständnis immer wieder an die gehassten Zaren erinnerte. Die „sozialistische Musterstadt“ war in Moskau sehr viel einfacher zu etablieren.
Der „Dank“ kam dann verspätet und bestand in einem zweifelhaften Geschenk namens „Leningrad“ – als Erinnerung an die insgesamt nicht einmal drei Jahre, die Lenin in seinem Leben in Petersburg/Petrograd verbracht hatte, bekam die Stadt nach seinem Tod im Januar 1924 seinen Namen aufoktroyiert. Mit dem musste sie dann 67 Jahre leben und zudem noch zu trauriger Berühmtheit infolge der Belagerung durch Hitlers Wehrmacht im II. Weltkrieg gelangen.
Eine rasante Geschichte hat das gerade zu Ende gegangene 20. Jahrhundert uns da geliefert. Sie bietet viele Ansätze zum Nachdenken – und das nicht nur an so einem schneeverregneten Tag wie dem heutigen 7. November 2001 in Sankt Petersburg II.
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)