Donnerstag, 24.06.2010

Petersburg plant Verhaltenskodex für Zugereiste

Nicht in Morgenmantel und Latschen, aber auch nicht im Bikini auf den Newski gehen! (Foto: fontanka.ru)
St. Petersburg. Es soll niemand in Pantoffeln und Morgenmantel über den Newski laufen, meinen die Petersburger Stadtabgeordneten. Damit dies nicht mehr passiert, sollen Zugereiste eine Art lokalen Knigge bekommen.
Mit dieser Initiative tritt u. a. die LDPR-Abgeordnete Jelena Babitsch auf. Den Anstoß gab eine Szene, die sie auf Petersburgs Hauptstraße, dem Newski Prospekt, beobachtete: Mehrere Leute liefen dort in Hausschuhen und Morgenmänteln herum. Das beleidigt den „einzigartigen Petersburger Kleiderstil“, meint die Deputierte.

Das Problem sei: In den letzten Jahren sind viele Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken zugereist, und die bräuchten eine Anleitung, wie sie sich auf den Petersburger Straßen und in den Petersburger Häusern zu verhalten hätten.

Diese Leute hätten eine eigene Kultur, Religion und Mentalität, die oft nicht mit den Traditionen der „Kulturhauptstadt Russlands“ übereinstimmen. Als Beispiel brachte Babitsch das Hammelschlachten auf dem Apraxin-Markt im Stadtzentrum an, das im letzten Jahr bei vielen Petersburgern auf Empörung und Entsetzen gestoßen war.

Petersburger Knigge


Über Verhaltensregeln im Sinne der „Petersburger Mentalität“ wird seit längerem diskutiert. 2008 trat eine Initiativgruppe mit dem „Kodex eines Petersburgers“ auf. Der richtet sich allerdings nicht in erster Linie an Zugereiste, sondern an die Einheimischen selbst.

Die Regeln sind streng: Ein „wahrhafter Petersburger“ hat keine „schlechte Gewohnheiten“ wie Trinken, Rauchen oder Drogenkonsum; er übt nur „nützliche, sozial bedeutsame und ungefährliche“ Hobbys aus; er tritt für den Denkmalschutz und die Menschenrechte ein, flucht nicht und verdient sein Geld nur mit ehrlicher Arbeit.

Die Petersburger Stadtregierung beeilt sich allerdings nicht, die Bürger vor solch hehre Aufgaben zu stellen – obwohl sie die Ausarbeitung einer Anleitung für gute öffentliche Manieren selbst forciert hatte.

Moskau: Kein Barbecue auf dem Balkon


Auch in der russischen Hauptstadt wird an einem Verhaltenskodex für Zugereiste gebastelt. Wenn in Petersburg aber mehr die moralische Komponente betont wird, ist Moskau viel praktischer bei den Vorgaben, meinen die Autoren des Petersburger Stadtportals Fontanka.ru.

Im „Kodex des Moskauers“ soll ganz konkret stehen, dass es verboten ist, „im Hof Hammel zu schlachten und auf dem Balkon Schaschlik zu braten“. Außerdem soll niemand in Nationaltracht herumlaufen, aber in der Öffentlichkeit ausschließlich Russisch sprechen.

Schnell laufen und ins Handy schreien


Kritiker solcher modernen Knigges drehen den Moskauer Moralaposteln allerdings den Spieß gleich wieder um. Die Zeitung „Wlast“ meint etwa, es müssten auch „Regeln für das Verhalten eines echten Moskauers“ her.

Da stünde dann etwa Folgendes drin: Keiner darf sich zu Fuß langsamer als mit 10 km/h auf der Straße fortbewegen; wenn jemand nach dem Weg fragt, guckt man schnell weg oder wimmelt den Frager unfreundlich ab; in der Metro stellt man sich schlafend, um bloß nicht den Platz an Oma oder Opa abtreten zu müssen.

Im öffentlichen Nahverkehr ist das Brüllen ins Handy angesagt, damit alle drum herum hören, wie toll man doch ist. Und ein Tipp für die Automobilisten: Hupe spätestens eine Sekunde, bevor die Ampel auf Grün schaltet, damit dein Vordermann bloß nicht am Steuer einschläft und möglichst schnell aufs Gaspedal drückt.