Der Friedensturm ist am Heumarkt fehl am Platze. Foto: www.300online.ru
Freitag, 30.04.2004
Petersburg rückt seinen Denkmälern zu Leibe
St. Petersburg. Gouverneurin Valentina Matwijenko hält ihr im Herbst nach der Wahl vorgegebenes Reform-Tempo weiter ein. Nach dem Start einer groß angelegten Privatisierungskampagne für Architekturdenkmäler soll jetzt auch bei den Standbildern Ordnung geschaffen werden. Als erstes geht es dem Sieges-Obelisken vor dem Moskauer Bahnhof und dem Friedensturm auf dem Heumarkt an den Kragen.
Matwijenko ordnete an, etwa einhundert nach 1991 aufgestellte oder angebrachte Denkmäler, Skulpturen und Gedenktafeln auf die Richtigkeit ihres Standortes zu überprüfen. Die Anweisung nimmt kein Wunder, hat Petersburg doch im letzten Jahr zum 300. Geburtstag eine wahre Denkmals-Geschenk-Flut über sich ergehen lassen müssen. Nicht alle Monumente passen auch dorthin, wo sie stehen. Bei so manchem Standbild weiß der Passant nicht einmal, wer hier und warum verewigt wurde.
Dass der Friedensturm auf dem Heumarkt auf der Liste steht, die vom Amt für Denkmalschutz, dem Smolny-Komitee für Architektur, den Leitern der verschiedenen Künstlerverbände sowie berühmten Petersburger Kulturschaffenden analysiert werden soll, verwundert nicht. Schon im Vorfeld der Errichtung der supermodernen Vertikale hatte es endlose Diskussionen um Sinn und Zweck der Existenz dieses französischen Geburtstagsgeschenks auf dem traditionsreichen alten Handelsplatz gegeben (aktuell.RU berichtete).
Der Obelisk auf dem Platz des Aufstandes vor dem Moskauer Bahnhof ist da eine etwas heiklere Angelegenheit. Beliebt ist das lange Ding von Anfang an nicht gewesen, als es 1985 zu Ehren des 40. Jahrestages des Sieges im Zweiten Weltkrieg dort errichtet worden war. Es nahm dem Platz, auf dem vorher immerhin eine ganz nette Grünanlage mit ein paar Parkbänken gewesen war, den allerletzten Hauch von Lebendigkeit.
Aber es erfüllte den hehren Zweck des Gedenkens an den Krieg und seine Veteranen, die in Leningrad/St. Petersburg immer hoch in der Achtung standen. Das „Stemmeisen“, wie der Obelisk im Volksmund heißt, von seinem Platz zu vertreiben, ist ein mutiger Schritt. Die Gouverneurin kann sich wütender Repliken aus der Kriegsteilnehmer-Lobby gewiss sein.
Der Ort, an dem der Obelisk steht, ist allerdings niemals ein glücklicher gewesen für Denkmäler. Vor der Revolution stand hier „der dicke Zar auf seinem dicken Pferd“ – das Monument für Kaiser Alexander III. Der konnte im sozialistischen Leningrad natürlich nicht an solch einer exponierten Stelle bleiben und wurde prompt in einen Hinterhof des Russischen Museums verbannt. Von dort wechselte er in den 1990 Jahren schließlich in das Gärtchen vor dem Marmorpalais.
Auf dem Platz des Aufstandes legte man dann 1957 zum 250. Gründungstag von Leningrad feierlich den Grundstein zu einem Lenin-Denkmal. Das aber niemals dort errichtet wurde. Die angeblich bei kiffenden Jugendlichen so beliebte Grünanlage an seiner Stelle war den kommunistischen Stadtvätern jedoch auch ein Dorn im Auge. Eine alle zufriedenstellende Lösung schien man mit dem Obelisken gefunden zu haben. Aber, wie gesagt, das Denkmal blieb dem Volk fremd, es wurde nur geduldet.
Der Friedensturm könnte nach den Plänen der Petersburger Stadtregierung im Park des 300. Gründungsjubiläums aufgestellt werden. Dagegen hat auch kaum jemand etwas einzuwenden. Das Stemmeisen wird aber nicht so leicht vom Moskauer Bahnhof wegzukriegen sein. Gegen seine Auslagerung auf den Platz des Mutes im Neubauviertel im Norden der Stadt wurden sofort einflussreiche Stimmen laut.
Nur die seit langem gehegten Pläne der Rekonstruktion des Platzes mit unterirdischen Übergängen könnten ein gewichtiges Argument sein, den Obelisken vom Newski Prospekt wegzunehmen, sagte z.B. Hauptarchitekt Iwan Uralow gegenüber dem „Kommersant“. Neben der symbolischen Wertigkeit des Denkmals sieht er ganz konkrete Probleme bei einer Demontage. Der 240 Tonnen schwere Granitmonolith könnte einfach auseinanderfallen, wolle man ihn verrücken.
Das wäre allerdings jammerschade, handelt es sich doch um den drittgrößten Monolithen der Welt. Die beiden anderen befinden sich übrigens auch in St. Petersburg – die Alexandersäule auf dem Schlossplatz und das „Donnerstein“ genante Postament des Ehernen Reiters. (sb/.rufo)
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)