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Donnerstag, 17.07.2003

Petersburger Miliz außer Kontrolle

Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Von wegen „Kriminalitätshauptstadt Russlands“ – St. Petersburg und die ganze Nordwestregion haben die niedrigste Kriminalitätsrate des ganzen Landes und die höchste Aufklärungsquote bei Mordfällen. Diese frohe Botschaft überbrachte gestern Innenminister Boris Gryslow den Petersburger Ordnungshütern. Zum Lohn wurde die Sonderkontrolle über die bislang als notorisch verderbt geltende Behörde aufgehoben – in der sich aber prompt zum Chef-Besuch kriminelle „Werwölfe“ fanden.

Mit dem Ende der seit 1998 vom Innenministerium ausgeübten Sonderkontrolle über den Petersburger GUWD haben die örtlichen Miliz-Chefs wieder mehr Freiheiten, ihre inneren Angelegenheiten und Personalfragen selbst zu entscheiden. Dies dürfte auch ein Ende für die mit schöner Regelmäßigkeit erfolgten Inspektionen und Sonderermittlungskommandos aus Moskau bedeuten, die immer wieder die Petersburger Polizei durchleuchteten. Allerdings ging es dabei, wie heute der „Kommersant“ schreibt, weniger um das Aufdecken von Verbrechen in den Staatsorganen als um das Sammeln von Belastungsmaterial gegen den in Moskau ungeliebten Gouverneur Wladimir Jakowlew. Doch der hat ja inzwischen seinen Posten geräumt, was derartige Einsätze nun überflüssig machen dürfte.

Gryslow begründete die Rehabilitierung der Petersburger Miliz natürlich anders: Dank der durchlaufenen Selbstreinigung der Miliz und des enormen Polizeiaufgebots vor und während des Stadtjubiläums sei die Schwerkriminalität in der Stadt um ein Drittel zurück gegangen. Im ersten Halbjahr 2003 rückte die Nordwest-Miliz damit zum Klassenprimus in der Statistik des Innenministeriums auf.

Aber Innenminister Gryslow wäre nicht der in den Duma-Wahlkampf ziehende Partei-Chef Gryslow, würde er einen derartigen Auftritt nicht mit neuen Erfolgsmeldungen bei der Verbrechensbekämpfung garnieren – und dies auf dem Gebiet seines neuen Lieblingsthemas, den „Werwölfen mit Schulterstücken“: Auch in Petersburg seien am Dienstag zwei Polizisten festgenommen worden, die zugleich in den Reihen einer kriminellen Organisation gestanden hätten. Dieser Gruppe würden Schwerverbrechen bis hin zum Mord angelastet. Laut „Kommersant“ hat die Bande Geschäftsleute entführt und getötet, die mit dem Handel von wertstoffhaltigen Schlämmen ihr Geld machten.

Bei Russland-Aktuell
• Kriminelle Polizisten machten Millionen (24.6.03)
• Milizsäuberungen sollen weitergehen (15.7.03)
Die Petersburger Staatsanwaltschaft war über diese Erfolgsmeldung Gryslows alles andere als glücklich: Laut Staatsanwalt Wladimir Golzmer ist die Schuld der beiden Verhafteten noch nicht erwiesen, die Ermittlungen seien noch in vollem Gange. Deshalb gebe es zu diesem Fall auch noch nichts zu sagen. Es gebe da „eine ungute Tendenz, etwas zu rapportieren, was noch nicht getan ist“, so Golzmers „Privatmeinung“, die er dennoch mit der „Iswestija“ teilte.
(ld/.rufo)

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