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Die Petersburger Petrikirche war einst Heimstatt einer 15.000 Mitglieder starken KIrchengemeinde (Foto: ld/.rufo)
Die Petersburger Petrikirche war einst Heimstatt einer 15.000 Mitglieder starken KIrchengemeinde (Foto: ld/.rufo)
Freitag, 03.12.2010

Petersburgs lutherische Gemeinde wird 300 Jahre alt

St. Petersburg. Es ist ein aufregendes Jahr für Matthias Zierold: Im Sommer organisierte der Pastor der Petrikirche das erste deutsch-russische christliche Bikertreffen. Nun feiert seine Gemeinde ihren 300. Geburtstag.

Dazu gab es sogar ein Glückwunschschreiben aus der russisch-orthodoxen Kirche, obwohl die sonst eher auf Abstand bedacht ist, berichtet Zierold. Ihr Jubiläum am 5. Dezember begehen die Gemeinde und ihr „bekennender Motorradliebhaber“ im Talar mit einem Rückblick auf die wechselvolle Vergangenheit, aber ohne Zukunftsängste.

Einst eine reiche Gemeinde mit guten Beziehungen


Ihren Ursprung verdankt die Petersburger lutherische Gemeinde dem russischen Vize-Admiral Cornelius Cruys. Der mit niederländischen und norwegischen Wurzeln ausgestattete erste Kommandeur der russischen Ostseeflotte schenkte den Lutheranern im Jahr 1710 eine kleine Holzkapelle auf dem Hof seines Anwesens. 17 Jahre später bekam die Gemeinde von Zar Peter dem Großen ein Grundstück am Newski Prospekt. Dort entstand die Petrikirche, die der Gemeinde ihren Namen gab.

Der erste Holzbau nach Plänen des italienisch-schweizerischen Architekten Domenico Trezzini wurde im 19. Jahrhundert von einer steinernen Kirche im Stil einer romanischen Basilika abgelöst. Das Altarbild der Kirche schuf der schon damals berühmte russische Maler Karl Brüllow. Die prächtige Kirche zeigte, wie gut es der Gemeinde ging: Vor der Revolution zählte sie über 15.000 Mitglieder.

Kirche als Lagerhaus und Schwimmbad zweckentfremdet


Doch nach dem Sieg der Bolschewiki setzten die Verfolgungen ein. 1937 wurde das Gotteshaus geschlossen und zunächst als Lagerraum genutzt. Zu Sowjetzeiten war solch ein Gebrauch kein Einzelfall. Kirchen wurden als Garage, Werkstatt, Disco oder Straßenbahndepot missbraucht.

Die berühmte Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale wurde sogar gesprengt, anschließend entstand an dieser Stelle ein Freibad. Eine Sprengung blieb der Petrikirche erspart, doch der Bau musste schließlich – schon zu Chruschtschows Zeiten – ebenfalls als Schwimmbad herhalten.

Bei Russland-Aktuell
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Die Spuren sind heute noch sichtbar. Die einst prachtvolle Kirche mit 3.000 Sitzplätzen wurde baulich stark verändert. Die gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit seien bei einem Rundgang durch die „Schwimmbadkirche“ physisch spürbar, erklärt Pfarrer Zierold, der seine Kirche dennoch als eine „sehr schöne Herausforderung“ betrachtet. „Sie ist mehr als nur eine Kirche, sie ist zugleich eine Gedenkstätte für das Schicksal unserer Gemeinde und für das Schicksal der Deutschen in Russland in der Zeit der Sowjetunion“, sagt er.

Zierold spricht sich daher gegen eine Rückverwandlung der Kirche in den Originalzustand aus. „Auf diese Weise würde zum zweiten Mal etwas unwiederbringlich verloren gehen“, warnt er. Stattdessen soll der Mahnmalcharakter der Kirche noch weiter ausgebaut werden.

Pastor Zieriold in den als Gedenkstätte ausgemalten "Katakomben" der Petrikirche (Foto: sb/.rufo)
Pastor Zieriold in den als Gedenkstätte ausgemalten "Katakomben" der Petrikirche (Foto: sb/.rufo)

Russen, Deutsche und Russlanddeutsche


Der Gemeinde reicht der Kirchensaal oberhalb des einstigen Schwimmbeckens völlig aus. 600 Mitglieder zählt sie, die Hälfte davon ist aktiv. Neben den wenigen alten Petersburger Lutheranern gibt es Russlanddeutsche aus Kasachstan und Sibirien, Teile der deutschen Gemeinde von St. Petersburg, aber auch Russen, die neu zum evangelischen Glauben gefunden haben und sich konfirmieren ließen.

Schon lange muss der Gottesdienst daher zweisprachig durchgeführt werden. Auf das Jubiläum zum 300. Geburtstag hat sich die Petri-Gemeinde gründlich vorbereitet.

Neben Festgottesdiensten wird es Vorträge, zwei Ausstellungen – eine über die Geschichte der Kirche und ein Bilderzyklus des russlanddeutschen Künstlers Adam Schmidt über seinen Lebensweg – sowie mehrere Konzerte geben.

Es ist kein Abgesang auf die Gemeinde. Denn Zierold hat noch eine Menge Ideen, um Leben in die Pfarrei zu bringen – und das nicht nur mit Hilfe von christlichen Motorradfahrern.



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