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Matwijenko und  Putin beschwichtigten am Wochenende aufgebrachte Petersburger Rentner. Foto: www.newsru.com
Matwijenko und Putin beschwichtigten am Wochenende aufgebrachte Petersburger Rentner. Foto: www.newsru.com
Montag, 17.01.2005

Rentner kratzen an Matwijenkos Image

St. Petersburg. Mit solch vehementen Protesten hätte in Petersburg wohl keiner gerechnet. Ab Freitag gingen Tausende Rentner auf die Straße, um ihrem Unmut über die weggefallenen kostenlosen Monatskarten im öffentlichen Nahverkehr Luft zu machen. Wie auch andernorts, hatte der Protest Erfolg. Vehemenz wie Erfolg liegen in Petersburg nicht zuletzt daran, dass Präsident Putin in der Stadt war. Valentina Matwijenko muss indes hinfort mit einem angekratzten Image leben.

Wladimir Putin war am Freitag in seiner Heimatstadt in wichtigen Staatsangelegenheiten unterwegs. Kein Geringerer als Bundespräsident Horst Köhler war gekommen, um mit dem russischen Präsidenten das deutsch-russische Kulturjahr abzuschließen (aktuell.RU berichtete). Von den Protesten bekam Putin persönlich nichts mit, wurde von Gouverneurin Valentina Matwijenko aber auf dem Laufenden gehalten.

Bei Russland-Aktuell
• Putin und Köhler: Kulturjahr war ein Erfolg (14.01.05)
Orange wechselt von Kiew nach St. Petersburg

In der Stadt breitete sich indessen revolutionäre Stimmung aus. Zwischen 4.000 und 7.000 Rentner waren am Samstag auf den Beinen. Zeitweise blockierten sie den Newski, den Suworowski und den Moskowski Prospekt. Am Letztgenannten entrollten sie Transparente mit dem Hilferuf: „Putin, hilf deinen Landsleuten!“ Der Ort war nicht zufällig gewählt, denn über den Moskowski Prospekt, der so genannten Regierungstrasse, rollt der gesamte Verkehr vom und zum Flughafen Pulkovo.

Am Sonntag hatten einige Demonstranten an der Ecke Newski und Sadowaja ein paar orangefarbene Kinderzelte aufgebaut und verkündet, in der Stadt fände – ganz nach dem ukrainischen Vorbild – eine „orangefarbene Revolution“ statt. Die Miliz griff weder hier noch anderswo ein. Erst am Abend hatte die Überzeugungsarbeit der Ordnungshüter Erfolg, und die Zelte wanderten von der Fahrbahn auf den Bürgersteig.

Matwijenko wird zum Handeln gezwungen

Am Samstag empfing Valentina Matwijenko eine Abordnung der protestierenden Rentner im Smolny. Deren Forderung war eindeutig: Rentner sollen wie gehabt umsonst den Nahverkehr benutzen dürfen. Danach sah sie sich gezwungen, live im Fernsehen aufzutreten, um die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen.

Sie versprach, ab dem 25. Januar könnten alle, die ein Recht auf Vergünstigungen haben (also nicht nur Rentner) in den Metrostationen für 230 Rubel (statt zum Normalpreis von 600) eine Monatskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel erwerben. Die Stadt werde dafür fünf Milliarden Rubel an zusätzlichen Mitteln (ca. 131,5 Millionen Euro) zur Verfügung stellen.

Bei Russland-Aktuell
• Rentner demonstrieren weiter, Regierung gibt nach (17.01.05)
Die Proteste gehen weiter

Auch am Montag wird in Petersburg weiter protestiert. Um die Mittagszeit herum demonstrieren vereinzelte kleine Gruppen vor dem Smolny und am Gostiny Dwor auf dem Newski Prospekt. Die Forderungen lauten nun: „Wieder her mit allen Vergünstigungen!“

Im Smolny traf sich Matwijenko derweil mit Vertretern der politischen Parteien. Es wurde diskutiert, wie die soziale Spannung in der Stadt beigelegt werden kann. Matwijenko warnte davor, sich von „gewissenlosen Provokateuren“ anstecken zu lassen, die aus der Unzufriedenheit „politische Dividende“ schlagen wollen. In ihrer Fernsehansprache am Samstag war sie in dieser Hinsicht deutlicher gewesen und hatte von „Extremisten und Nationalbolschewiken“ gesprochen.

Doch nicht nur Extremisten stecken hinter den Protesten. Die Petersburger nehmen ihrer Gouverneurin sehr übel, dass sie angesichts der in Moskau abgesegneten neuen Gesetze zur Abschaffung der kostenlosen sozialen Vergünstigungen nicht schon früher für ihre Wähler in die Bresche gesprungen war. Und das, obwohl gerade Petersburg mit seinem überdurchschnittlichen Rentneranteil in erster Linie von den Änderungen betroffen wurde.

Erst als es brenzlig wurde, reagierte der Smolny. Eindeutig zu spät. Das Image der starken Frau, die alle Kraft zum Wohl ihrer Stadt und deren Bewohner einsetzt, ist gründlich demoliert. Und Putin diente zwar als Hoffnungsadresse für die Protestierenden in Petersburg, bekam aber auch selbst sein Fett weg – eins der Plakate am Wochenende lautete: „Putin! Rentner sind keine Hunde“! (sb/.rufo)


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