Freitag, 12.03.2010

Schnee und Ochta-Center kratzen an Matwijenkos Image

Merklich unbeliebter als früher: Petersburgs Gouverneurin Valentina Matwijenko. (Foto: fontanka.ru)
St. Petersburg. Die Petersburger mögen ihre Gouverneurin immer weniger, zeigt eine Umfrage. Der ungelenke Kampf gegen die Schneemassen und die Unzufriedenheit mit dem Gazprom-Wolkenkratzer lassen Matwijenkos Stern sinken.
Die Petersburger Stadtregierung hatte im Januar eine Studie in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, wie die Bürger die Arbeit im Smolny und wie hoch sie Gouverneurin Valentina Matwijenko einschätzen.

Das Ergebnis ist ernüchternd – nur 32,6 Prozent der Befragten ist mit Matwijenko zufrieden, das sind zwölf Prozent weniger als noch im Oktober 2009. Gar 19 Prozent stufen sich als Gegner ihrer Politik ein, und das sind fast doppelt so viele als noch vor vier Monaten.

Der schlechtest geräumte Hinterhof


Diese Ergebnisse legt das soziologische Zentrum „Megapolis“ jetzt vor – allerdings nicht öffentlich. Es ist eine Verschlusssache, nicht bestimmt für die Ohren der Allgemeinheit. Der „Kommersant“ gelangte jedoch in den Besitz der Resultate und veröffentlicht sie am heutigen Freitag.

Wie kommt es, dass Frau Matwijenko, die seit nunmehr sieben Jahren die Geschicke der Stadt lenkt, in solch ein Rating-Tief geraten ist? An der Oberfläche liegt eine Naturerscheinung: Der Winter mit dem vielen Schnee.

Nein, nicht der Winter an sich und auch eigentlich nicht der Schnee – in diesen Breitengraden sind das eine wie das andere doch ganz natürliche Dinge. Was die Petersburger ihrer Stadtherrin übel nehmen, ist, wie ihre Dienste mit dem Räumen fertig geworden sind.

Nämlich schlecht bis gar nicht. Im Internet gibt es inzwischen jede Menge Fotowettbewerbe, die dokumentieren, in welchem Hinterhof die höchsten Schneeberge liegen. Die Schäden durch von den Decken in den obersten Etagen tropfendes Schmelzwasser sind nicht mehr zu zählen.

Die Petersburger Krankenhäuser stöhnen unter den vielen Patienten, die dem Glatteis und von den Dachrändern herab fallenden Eiszapfen zum Opfer fallen. Der Gang durch die Stadt ist in den letzten Monaten so etwas wie eine Extremsportart geworden.

Das Volk ist sauer


Die Petersburger sind sauer, und das zu Recht, denn immerhin bezahlen sie immer mehr für die kommunalen Dienste und müssen dann beobachten, wie es an Räumfahrzeugen, Arbeitskräften, Schneeschaufeln usw., usf. mangelt.

Die so heilig beschworene Reform der Kommunalwirtschaft erbringt nichts außer ständig wechselnden Zuständigkeiten und ununterbrochenen Namensänderungen der zuständigen Organisationen. Denn wie das Ding auch heißen mag, eins sehen alle: Es ändert sich nichts zum Besseren.

Tiefere Gründe


Hinter dem Petersburger Winterräumchaos verbergen sich aber auch tiefere Gründe, die Matwijenkos Stern in der Stadt sinken lassen. Die Bürger ärgert ihre kompromisslose Haltung zum Bau des Gazprom-Wolkenkratzers an der Ochta. Allen Widerständen zum Trotz will sie das höchst umstrittene Projekt durchsetzen.

Aber nicht nur das: Viele Petersburger sorgen sich um die Erhaltung der historischen Innenstadt – immer mehr Grünanlagen werden zugebaut; überall tauchen zwischen der alten Bebauung moderne Glasbürohäuser auf.

Es herrscht der allgemeine Eindruck: Wer zahlt, der kriegt alles genehmigt. Klar – Gazprom ist der größte Steuerzahler der Stadt. Und potente Unternehmen sind immer gern gesehen. Man kann eine Stadt aber auch kaputt-verjüngen. Diese Angst beschleicht inzwischen viele Petersburger.

Der Smolny sitzt es aus


Zudem haben viele Bürger vergeblich gewartet, dass die Lebenslage sich nach den fetten Vorkrisenjahren bessern würde. Aber weder der öffentliche Nahverkehr ist gefühlt besser geworden noch die soziale Unterstützung durch den Staat.

Experten sind trotz des niederschmetternden Ergebnisses der Meinung, an der Politik von Matwijenkos Mannschaft würde sich nichts ändern. „Es wird keine politischen Folgen geben“, sagt etwa der Politologe Alexej Schustow.

Wenn der Winter vorbei ist „und die Vögel erst wieder singen, wird er der PR-Abteilung im Smolny nicht schwer fallen, die öffentliche Meinung mit Informationsmitteln aufzupolieren“, meint er.

Vertreter der Stadtregierung wollten indessen keine Stellung zu der Veröffentlichung des „Kommersant“ beziehen.