Schweizer Botschafter W. Fetscherin (foto: stpetersburg2003.ch)
Freitag, 27.06.2003
Schweizer Zeit für St. Petersburg
St. Petersburg. Die Eidgenossen kommen spät, aber dafür mit Nachdruck: Nachdem die Schweiz bei Putins großem Empfang zum Stadtgeburtstag nicht dabei sein durfte, gibt es dafür Anfang Juli exklusive „Schweizer Tage“ in St. Petersburg. Und man lässt sich nicht lumpen: Das Staatsoberhaupt der Schweiz übergibt der Stadt als Geburtstagsgeschenk 100 Straßenuhren. Auch Helvetiens zweites Markenzeichen, der Käse, wird nicht fehlen.
Ende Mai, beim internationalen Gipfel zum 300. Gründungstag von St. Petersburg, musste die Schweiz wegen Neutralität und mangelnder Größe leider vor der Tür bleiben: Putin hatte die Staatschefs der GUS-, EU- und G8-Staaten geladen, noch dazu die EU-Anwärterstaaten und die Großmächte China und Indien.
P. Couchepin (foto: kmuinfo.ch)
Aber weder die Tücke der Gästelisten-Konstruktion noch die letztjährigen helvetisch-russischen Verstimmungen nach dem Flugzeugunglück am Bodensee konnten die Eidgenossen davon abhalten, den Stadtgeburtstag von St. Petersburg auf ihre Weise gebührend zu feiern: Auf Einladung von – inzwischen – Ex-Gouverneur Wladimir Jakowlew kommt dafür am 8. Juli sogar der Schweizer Präsident Pascal Couchepin nach St. Petersburg. Er wird von einer Wirtschaftsdelegation aus den Kantonen Genf und Tessin begleitet. Ob es anschließend noch ein bilaterales Gespräch mit Wladimir Putin im Kreml gibt, steht noch nicht fest.
Uhren, Käse und Architektur, diese drei auch in Russland besonders geschätzten helvetischen Markenprodukte, bestimmen das Programm der Schweizer Tage vom 6. bis 13. Juli. Wie Botschafter Walter Fetscherin jetzt bei der Vorstellung des Programms in St. Petersburg erklärte, möchte die Schweiz mit ihren Beiträgen an jene deutlichen Spuren anknüpfen, die Schweizer Auswanderer in der 300-jährigen Geschichte Petersburgs hinterließen.
Schon 1703 war der Tessiner Domenico Trezzini als Festungsbaumeister in die soeben gegründete Stadt gekommen: Er konstruierte sowohl die Peter-Pauls-Festung, die Keimzelle der neuen Stadt, wie auch die ersten Zarenpaläste und Regierungsgebäude. Schließlich zeichnete er den ersten Generalplan der neuen Hauptstadt. Auch helvetische Uhrmacher (Buhré, Moser) Juweliere (Birbaum, von Seftigen), Zuckerbäcker (Wolf und Berangé) und Käser ließen sich später in St. Petersburg und Umgebung nieder. Und schließlich verdankt die Akademie der Wissenschaften, ebenfalls eine Neuerung des Reform-besessenen Zaren Peter I. und faktisch die Wiege der russischen Forschung, ihr Aufblühen einer ganzen Dynastie von Basler Gelehrten: Dem Wirken von Johann Bernoulli, Leonhard Euler und Nikolaj Fuss wird deshalb am 10. Juli ein wissenschaftshistorisches Kolloquium gewidmet.
Die offizielle Geburtstagsgabe der Schweiz an St. Petersburg besteht aus 100 Straßen- und Bahnhofsuhren im Wert von etwa 500.000 Franken – laut Botschafter Fetscherin ein besonders demokratisches Geschenk, das allen Bürgern Nutzen bringt. Die ersten dieser Uhren wurden bereits montiert. Ebenfalls auf Schweizer Kosten wird gegenwärtig die berühmte Mendelejew-Uhr im Torbogen des Generalstabes restauriert, die auf vielen Postkarten-Ansichten des Schloßplatzes und des Winterpalastes zu sehen ist.
Das Uhren-Thema wird noch durch drei weitere „Treffpunktuhren“ seitens der Firma Rado sowie ein originelles Geschenk der Stadt Genf weiter verfolgt: Im Alexanderpark wird gegenwärtig Petersburgs erste „Blumenuhr“ montiert und angepflanzt, berichtet Projekt-Koordinator Jörg Lauberbach vom Schweizer Generalkonsulat. Couchepin wird hier am 9. Juli auch das Geschenk der Schweizer Kantone an die Stadt übergeben: 26 Parkbänke. Selbige werden dann am gleichen Ort drei Tage lang in einem Raclette-Zelt gefeiert und mit Weißwein begossen – dies dank des Kantons Thurgau als Sponsor.
Bei den im Rahmen der „Schweizer Tage“ stattfindenden „Tessiner Tagen“ dreht es sich dank den historischen Vorarbeiten von Trezzini und der Steinmetz- und Baumeister-Dynastie Rusca vorrangig um Architektur und Skulptur: In der Repin-Kunstakademie eröffnet am 7. Juli eine Ausstellung mit Werken von Nag Arnoldi. Star-Architekt Mario Botta hält eine Vorlesung und unterzeichnet ein Protokoll über eine Zusammenarbeit mit seiner Architektur-Akademie in Mendrisio. Auch gastiert in der Philharmonie zweimal das „Orchester der Italienischen Schweiz“.
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Der Schweizer Beitrag sei eines der besten der 57 nationalen Programme, die dieses Jahr zum 300. Stadtgeburtstag in St. Petersburg stattfinden, lobte Wladimir Tschurow, der Vize-Chef des städtischen Außenkomitees. Mit Unterstützung des Berner Außenministeriums erschien zum Stadtjubiläum auch noch ein aufwändiges gestaltetes Buch mit Beiträgen von 80 Historikern über die „Schweizer in St. Petersburg“, wahlweise in einer russischen oder schweizerisch-dreisprachigen Version.
Bei dessen Lektüre wird dann auch klar, warum sich die Schweiz so für Petersburg erwärmt: Es war Franz Lefort, Russlands erster Flottenadmiral, der den jungen Zaren Peter von der Notwendigkeit einer russischen Meeres-Hauptstadt an der Ostsee überzeugte. Zwar starb der gebürtige Genfer schon vier Jahre bevor Peter der Große seine Stiefel ins sumpfige Newa-Delta rammte – aber letztlich darf so die Gründung von St. Petersburg als urhelvetische Idee gelten.
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)