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Wladimir Schnittke will vor der Gewalt nicht klein beigeben. (Foto: Eugen von Arb)
Wladimir Schnittke will vor der Gewalt nicht klein beigeben. (Foto: Eugen von Arb)
Donnerstag, 12.05.2005

Terror gegen Memorial: „Wir sind allein“

Die Petersburger Menschenrechtsorganisation „Memorial“ wurde in den vergangenen Monaten mehrmals überfallen, wobei Unterlagen gestohlen und Mitarbeiter schwer mißhandelt und getötet wurden.

Memorial
Eine Hauptaufgabe der 1989 gegründeten russischen Gesellschaft Memorial ist die Aufarbeitung der Gulag-Geschichte. Memorial sammelt die Berichte tausender Gulag-Gefangener und untersucht Massengräber. Seit 1990 wertet sie auch offizielle Dokumente aus den russischen Staatsarchiven aus. Die Organisation setzt sich ausserdem für die Wahrung der Menschenrechte in aktuellen Krisenzonen und den Schutz von Minderheiten in der russischen Gesellschaft ein. Zu Memorial gehören regionale Memorial-Gesellschaften in allen Teilen Russland. Ihr Vorsitzender ist der russische Menschenrechtler Sergej Kowaljow. Sein Vorgänger war der sowjetische Dissident Andrej Sacharow.
Die Geschehnisse sind furchterregend und unheimlich: Während der vergangenen zwei Jahre ist die Peterburger Sektion der Organisation Memorial Ziel einer ganzen Anschlagsserie geworden, deren Ziel ganz offensichtlich die Einschücherung der Mitarbeiter sowie die Auskundschaftung ihrer Arbeit ist. Der Terror beginnt im August 2003 als zwei Männer das Büro an der Rasjeschaja-Straße überfallen, alle Anwesenden fesseln und einige Computer abtransportieren. Eine Privatdetektei entlarvt einen der Einbrecher als Wladimir Goljakow, Führer einer heidnisch-nazistischen Sekte. Ein Tag nach dessen Verurteilung zu fünf Jahren Haft, erschießen Unbekannte den Rassismus-Spezialisten und Memorial-Mitarbeiter Nikolaj Girenko durch seine Wohnungstür hindurch. Zum Mord bekennt sich später eine Gruppe „Russische Republik“, die Girenko als „Feind des russischen Volkes“ zum Tode verurteilt hatte.

Knapp dem Tod entronnen

Im Dezember 2004 wird Wladimir Schnittker, Geschäftsführer von Memorial St. Petersburg, vor seiner Wohnungstür niedergeschlagen und bestohlen und entgeht nur knapp dem Tod. „Wenn mich nicht zufälligerweise mein Freund auf das Mobiltelefon angerufen, und darauf Polizei und Notarzt verständigt hätte, wäre ich verblutet“, erzählt Schnittke, der schon Opfer des ersten Anschlags gewesen war. Im Februar 2005 dringen drei Unbekannte, die sich als Kollegen von Memorial Moskau ausgeben, ins Informationszentrum an der Rubinstein-Strasse ein, schlagen den Dolmetscher Emmanuil Poljakow spitalreif, durchwühlen das Archiv und stehlen Bürogeräte. Poljakow, der durch die erlittene Gehirnerschütterung beinahe erblindete, liegt noch immer im Krankenhaus.

Die Täter kommen mit Strafen auf Bewährung davon

„Was uns erstaunt, ist, dass die Polizei die meisten der Vorfälle als Einbrüche oder „Rowdytum“beurteilt, obschon es die Täter ganz offensichtlich auf Informationen abgesehen hatten“, gibt Schnittke zu bedenken. Bei fast allen Überfällen, so Schnittke, hätten die Einbrecher herumliegendes Geld oder Wertgegenstände einfach liegen lassen lassen, dafür aber Dossiers, Notizbücher, Festplatten oder ganze Computer gestohlen. „Damit steht fest, daß uns jemand einschüchtern und gleichzeitig unsere Arbeit analysieren will.“
Nach Schnittkes Ansicht ist die Justiz weder groß daran interessiert, die Täter dingfest zu machen, noch sie gerecht zu bestrafen und läßt daher die Ermittlungen allgemein im Sande verlaufen. „Sämtliche Täter, die verhaftet werden konnten, wurden zu sehr milden oder sogar bedingten Strafen verurteilt, obschon sie schwere Verbrechen begangen hatten.“ Obschon es in einem der Fälle deutliche Hinweise darauf gegeben habe, daß ein FSB-Mitarbeiter darin verwickelt gewesen sei, habe man außer einem Rapport nichts weiter unternommen. Auch zu den jüngsten Zwischenfällen gebe es bisweilen keine Neuigkeiten. „Wir sind allein“, stellt er nüchtern fest.

„Wir sind einige Schwierigkeiten gewohnt“

Auf die Frage, ob er keine Angst vor weiteren Anschlägen habe, reagiert der ehemalige Dissident gelassen. „Wir sind uns bereits einiges an Schwierigkeiten gewohnt.“Er sei natürlich in seiner Arbeit unterbrochen worden, aber er werde seine Aufgaben weiter verfolgen. Die Sicherheitsmaßnahmen die die Organisation getroffen hat, sind bescheiden: Die Eingangstüre, die früher offen stand, sind nun abgeschloßen. Beunruhigt durch die Vorgänge, besuchte vor kurzem eine Delegation von Memorial Deutschland die russischen Kollegen. Um die aufwändige Behandlung des schwer verletzten Emmanuil Lasarewitsch zu finanzieren, hat die deutsche Sektion zu Spenden aufgerufen: Memorial Deutschland e.V., Bank für Sozialwirtschaft Berlin, BLZ: 100 205 00, Konto-Nr. 33200 00, Stichwort: Emmanuil Poljakow.
(eva/.rufo)

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