Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Der 300-jährigen Stadt geht es wie jedem Geburtstagskind: Vor lauter Party-Organisation und Gästebewirten hat man kaum noch Zeit und Aufmerksamkeit übrig, sich dem angenehmsten Aspekt eines Jubiläums zu widmen: Die vielen Geschenke auspacken, sie gründlich betrachten und sich darüber in Ruhe freuen. Dieser Tage gibt es soviel Gaben, dass der Überblick auf dem Geburtstagstisch etwas verloren geht.
Nur einigen wenigen Geschenken war bisher vergönnt, im Mittelpunkt der Ereignisse zu stehen. So zum Beispiel im Fall des Gartens in der Mitte des großen Paradehof der Ermitage: Was bislang den Augen und Füßen der Petersburger verborgen war, fungiert nun als neuer Haupteingang der Ermitage. Die leicht erhöhte Grünanlage in der Mitte, die dem Hof seine Strenge nimmt und ihn zu einer erholsamen Oase macht, ist das Geschenk Dänemarks an St. Petersburg – nicht ohne historischen Hintergrund: Die Zarin Maria Fjodorowna, geborene Prinzessin Dagmar von Dänemark, soll seinerzeit darauf bestanden haben, den tristen Hof zu begrünen.
Reichlich Aufmerksamkeit, aber nur bedingt Applaus bekam die inoffizielle Gabe Frankreichs: Der „Friedensturm“ auf dem Heumarkt, eine 17 Meter hohe futuristische Glasstele, erntete mehr Protest als Zustimmung. Inzwischen sichern sich die Stadtväter mit der Behauptung ab, das Bauwerk sei nur vorübergehend genehmigt, könne also bei Nichtgefallen auch wieder abgebaut werden (Wie es mit einem Umtausch aussieht, ist unklar. Die Franzosen haben vermutlich den Kassenzettel nicht übergeben).
Umweltbewusste Skandinavier: Wie die Dänen bemühen sich auch die Nachbarn aus Finnland um die Begrünung Petersburgs. Im neuen „300-Jahres-Park“ im Nordwesten der Stadt, tatsächlich ein eher kahles und karges Territorium zwischen Hochhäusern und Strand, ließ die Stadtverwaltung von Helsinki 300 besonders frostfeste Apfelbäumchen pflanzen – und schenkte damit etwas Praktisches und Schönes zugleich: Die Früchte dürfen in Zukunft von Spaziergängern geerntet werden.
Troizki-Kapelle (foto:ld/.rufo)
Die gute Tradition, dem Geburtstagskind etwas Selbstgebasteltes zu schenken, wurde von dem Petersburger Baukonzern BSK aufgegriffen: Da das Unternehmen mit dem Bau des neuen Ladoga-Bahnhofes und der Sanierung aller bestehender Bahnhöfe kräftig an den Jubiläumsvorbereitungen mitverdient hatte, liess man sich nicht lumpen: Auf eigene Rechnung und mit eigenen Leuten wurde auf dem Dreifaltigkeitsplatz im Laufe eines Jahres eine Kapelle errichtet – zuletzt in ebenso eiliger wie heiliger Nachtarbeit. Petersburgs Newa-Silhouette bekam damit eine weitere goldene Kuppel, sieht das Bauwerk doch aus wie eine Miniatur-Filiale der Isaakskathedrale. Optisch hat die Dreifaltigkeitskapelle damit wenig gemein mit jener alten hölzernen Troizki-Kirche, die bis 1933 auf dem gleichnamigen Platz – aber an der von einem Stalin-Bau besetzten schräg gegenüberliegenden Ecke – stand. Diese war das erste Gotteshaus der jungen Stadt.
Auch die deutschen Gäste hinterließen bereits ihre Geburtstagsgaben: Die Partnerstadt-West Hamburg schenkte der Philharmonie einen neuen Steinway-Konzertflügel, die Partnerstadt-Ost Dresden einen Spielplatz vor dem Theater des jungen Zuschauers. Das Geschenk des deutschen Staates ist dagegen noch nicht fertig: Die Bundesrepublik finanziert die gegenwärtig Restaurierung der Orgel der Philharmonie, wozu selbige demontiert und abtransportiert wurde.
Ebenfalls später kommt das offizielle Geschenk der Schweiz: 100 große Uhren für Straßen und Bahnhöfe sowie eine Blumenuhr im Alexander-Park seitens der Stadt Genf. Dass es gerade hier mit der Pünktlichkeit hapert, liegt aber nicht an den helvetischen Uhrmachern, sondern an den Gastgebern: Da die Schweiz weder ein GUS-, EU-, EU-Anwärter- oder G8-Staat ist, bekam sie einfach keine Einladung. Anfang Juli kommt aber eine offizielle Delegation aus Bern zur „Schweizer Woche“ nach St. Petersburg und bringt dann die Uhren mit.
Und dann gibt es noch die Kategorie der Geschenke, die man freundlich dankend annimmt und sich dabei bange fragt, wohin stellen. Einerseits müssen sie für den Schenkenden sichtbar bleiben, damit dieser nicht denkt, die wunderbare Gabe hätte nicht gefallen. Andererseits dürfen sie nicht stören und müssen zum Interieur passen. Wenn es sich auf privaten Niveau dabei meist um Nippes fürs Regal dreht, erreichen die kunsthandwerklichen Verlegenheitsgeschenke bei einem Stadtgeburtstag ganz andere Dimensionen: Es handelt sich um Denkmäler.
Elegant und mit Ortsbezug ist dabei die Gabe Italiens und der Stadt Mailand positioniert: Auf dem Manage-Platz, der von der „Italienischen Straße“ gekreuzt wird, wurden heute vier Büsten italienischer Architekten übergeben: Rastrelli, Quarenghi, Rossi und Rinaldi haben haben Petersburg seinerzeit mitgestaltet. Und der griechische Premierminister Costas Simitis wird heute noch ein Denkmal für Ioannes Kapodistrias einweihen. Dieser griechische Freiheitsheld stand in russischen diplomatischen Diensten und sein Denkmal kommt auf dem „Griechischen Platz“ zu stehen – passt auch.
Warum aber morgen früh sein kanadischer Amtskollege Jean Chrétien am Moskowski Prospekt 33/1 ein Monument für den franko-kanadischen Poeten Émile Nelligan hinterlässt, hat sich uns noch nicht erschlossen. Vermutlich haben die Kanadier über die Vorlieben des Gastgebers nur in Erfahrung bringen können, dass Gouverneur Wladimir Jakowlew in seiner Stadt Monumental-Plastik aller Art und Qualitätsstufen sammelt – so wie andere Leute Teddybären oder Zinnsoldaten.
(ld/.rufo)
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)