Petersburg ist universal und hervorragend, sagt die UNESCO. Aber - wie lange noch? (Foto: Deeg/.rufo)
Dienstag, 30.03.2010
Weltkulturerbe St. Petersburg – wie lange noch?
St. Petersburg. Die ganze letzte Woche weilte eine Kommission der UNESCO in St. Petersburg. Die Ergebnisse ihrer „Kontrollmission“ sollen Licht in die dunkle Frage bringen, ob Petersburg auf der Weltkulturerbeliste bleibt.
Die Kommission sollte Objekte in der Stadt und im Leningrader Gebiet inspizieren, um festzustellen, ob Petersburg immer noch den Status eines „universal herausragenden Wertes“ hat, als der es bei der UNESCO anerkannt ist.
Zur Erinnerung: Im letzten Jahr hatte die UNESCO gedroht, Petersburg in die Kategorie der „gefährdeten Weltkulturerbe-Objekte“ zu überführen, sollte das skandalöse Projekt des 403 Meter hohen Gazprom-Wolkenkratzers realisiert werden.
Ochta-Wolkenkratzer – noch nichts entschieden
Laut Vera Dementjewa, der Vorsitzenden der Petersburger Denkmalschutzbehörde, besuchten die UNESCO-Experten u. a. Neu-Holland (wo alles brach liegt, weil ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben ist), den Ostflügel des Generalstabsgebäudes (hier richtet die Eremitage eine Filiale ein), die Baustelle der zweiten Mariinski-Bühne und den Platz, wo das umstrittene Ochta-Center entstehen soll.
Um die Kontrolleure milde zu stimmen, redeten selbst die offiziellen Vertreter des Projekts ihr Vorhaben schlecht, schreibt die Zeitung „Kommersant“ am Dienstag. Es müssten „erst die von der russischen Gesetzgebung vorgesehenen Genehmigungsprozeduren durchlaufen werden“, hieß es da.
Frau Dementjewa bläst ins gleiche Horn: Es gäbe ja „noch gar keine Baugenehmigung“; außerdem leugnet sie jede „Konfrontation mit der Meinung der UNESCO“.
Sie vergisst dabei allerdings die Tatsache, dass sich die Petersburger Stadtregierung sehr weit aus dem Fenster hängt, um den „Gazprom-Turm“ (übrigens gegen die Meinung eines erheblichen Teils der eigenen Bürger) durchzusetzen.
65 Fehler korrigieren
Die Kommission besuchte auch Objekte im Leningrader Gebiet, die auf der 1988 abgesegneten Kulturerbeliste stehen. Hier möchte die Petersburger Stadtregierung Korrekturen anbringen, denn laut Gouverneurin Valentina Matwijenko stecken 65 Fehler in der Liste.
Dazu gehören auch Objekte im Leningrader Gebiet, die es nach Angaben der Denkmalschutzbehörde bereits zu dem Zeitpunkt, als die Sowjetregierung die Aufnahme von (damals noch) Leningrad bei der UNESCO beantragte, nicht mehr gab.
Zudem will Petersburg die Grenzen der geschützten Zone einschränken. Und genau das ruft die Bürgerinitiativen auf den Plan, die sich um den Erhalt der historischen Innenstadt sorgen.
Dies führe „praktisch zur Neubewerbung von Petersburg bei der UNESCO“, meint Alexander Kononow, der stellvertretende Vorsitzende der Petersburger Abteilung des Allrussischen Denkmalschutzvereins.
Ergebnis kommt bis Anfang Juni
Und das heißt: In der Zeit der Neubewerbung kann viel abgerissen werden, denn der Schutz durch die UNESCO ist ja (zumindest zeitweise) aufgehoben.
Die Kommission hat die Meinung beider Seiten gehört und wird sich nun ihre eigene Meinung bilden. Mit den Schlussfolgerungen aus der einwöchigen Dienstreise nach St. Petersburg wird Russland bis zum Kongress des Weltkulturerbekomitees Anfang Juni vertraut gemacht.
Denkmalschützer Kononow ist sich schon jetzt sicher: „Die Vertreter der Mission haben genug Informationen gesammelt, um auf die Frage vom letzten Jahr zurückzukommen, ob Petersburg in die Liste der gefährdeten Weltkulturerbeobjekte aufgenommen wird“.
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)