Dienstag, 12.07.2011

Blokada – ein nötiges Buch über Leningrads Tragödie

"Blokada" ist kein leichter Lesestoff über die deutsche Belagerung Leningrads (Foto: sb/.rufo)
St. Petersburg. Pünktlich zum 70. Jahrestag des Beginns der Leningrader Belagerung erscheint ein wichtiges Buch: „Blokada“ geht offen und ehrlich mit dem schwierigen Thema um und ist dabei voller Mitgefühl mit den Opfern.

Der englischen Historikerin und Journalistin Anna Reid ist mit ihrem Buch „Blokada. Die Belagerung von Leningrad“ ein großer Wurf gelungen. Nüchtern und akribisch beleuchtet sie alle Facetten der 872 Tage währenden Belagerung der Newa-Metropole durch die Hitlertruppen, die als eine der größten Kriegstragödien in die Geschichte eingegangen ist.

Sowjetische Inkompetenz und deutsche Unmenschlichkeit


Auf Basis von Archivdokumenten, Tagebüchern und Gesprächen mit Überlebenden der Ereignisse von 1941-1944 zeichnet die Autorin ein umfangreiches Panoramabild des Kampfes um Leningrad. Zu Wort kommen alle: Angreifer und Verteidiger, führenden Köpfe und Durchschnittsbürger.

Es kommt die Inkompetenz der Sowjetführung zu Sprache, die durch falsche und/oder späte Entscheidungen die Katastrophe nur noch verschlimmerte. Der Leser erfährt von Hitlers menschenverachtenden Plänen und vom Streit in der deutschen Obersten Heeresleitung darum, wie Leningrad „am besten auszuschalten“ sei.

Erschütternde Alltagszeugnisse


Erschütternd sind die Aussagen von Zeitzeugen; sie machen das Rückgrat der gesamten Darstellung aus. Es geht schlicht um den alltäglichen Überlebenskampf in seinen allerdunkelsten Facetten – erzählt wird vom stundenlangen Anstehen vor dem Brotladen um die Hungerration von 125 Gramm.

Während jemand in der Wohnung sein Tagebuch schreibt, liegt die Leiche eines Angehörigen im Nebenzimmer, denn niemand hat die Kraft, ihn zu einem der entlegenen Friedhöfe zu schaffen. Da heißt es lakonisch in einer Aufzeichnung: „Assja starb zwei Schritte von meinem Bett entfernt. Wsewolod und ich schleiften sie hinaus, da es in unserem Zimmer zu warm für eine Leiche war.“

Erzählt wird vom mühsamen Wasserschöpfen aus den Eislöchern (in den Häusern gab es weder Strom noch funktionierten Kanalisation und Wasserleitungen); von der großen Reinigungsaktion in der Stadt am Ende des langen Hungerwinters 1941/1942; davon wie glücklich alle waren, als endlich wieder die Straßenbahnen fuhren.

Die vergessene Tragödie


Was die historische Aufarbeitung der Belagerung von Leningrad betrifft, kommt Reid zu entmutigenden Schlussfolgerungen: Der Westen widme diesem Kapitel des Zweiten Weltkriegs kaum Aufmerksamkeit, schreibt sie. Als Britin sei ihr aufgefallen, dass viele ihrer Freunde Leningrad und Stalingrad für dieselbe Stadt hielten.

Das Buch
Anna Reid. Blokada. Die Belagerung von Leningrad 1941-1944. Berlin Verlag 2011. 587 Seiten, gebunden, 34 Euro
„Im deutschen Schuldbewusstsein“, so konstatiert Reid, „weicht Leningrad hinter dem Holocaust zurück.“ Während die jüdischen Schicksale allgemein bekannt wären, „litten Leningrader Frauen und Kinder, die dasselbe Regime vorsätzlich ermordete, ungesehen und sind bis heute überwiegend fern jeder offiziellen Erinnerung“.

Ein neuer Klassiker des Genres?


Mit ihrem Buch könnte Reid dieser „offiziellen Erinnerung“ auf die Sprünge helfen. In gewisser Weise knüpft es an den „Klassiker des Genres“, nämlich an Harrison Salisburys „900 Tage. Die Belagerung von Leningrad“ an.

Erschienen 1969 (auf Deutsch erstmals 1970), wurde die Leningrader Tragödie dort erstmals offen und ehrlich behandelt. Natürlich standen dem amerikanischen Journalisten damals nicht die Quellen zur Verfügung, über die Reid und andere Forscher heute verfügen können.

Reid folgt gewissermaßen Salisburys Schema der Darstellung der Ereignisse, was allein am inhaltlichen Gerüst deutlich wird: „Einmarsch“, „Die Belagerung beginnt“, „Massentod“, „Warten auf die Befreiung“, „Nachwirkungen“. Beide Autoren stellen Zeitzeugenberichte in den Vordergrund.

Ein halbes Jahrhundert nach Salisburys bahnbrechender Untersuchung könnte Reids Buch zu einem neuen Standardwerk zum Thema werden. Sie mag ihren amerikanischen Vorgänger zwar als „Romantiker“ einstufen – sie tritt doch in seine Fußstapfen und erhebt dabei die Erzählung von Leningrads Kriegsschicksal auf eine neue, noch höhere Ebene.