Auf Tuchfühlung: In den Reihen mit den Kleidungsständen des Apraxin Dwors ging es immer besonder eng zu (Foto: ld/.rufo)
Donnerstag, 15.01.2009
Apraxin-Markt macht dicht: Eine Epoche geht zu Ende
St. Petersburg. Heute ist offiziell der letzte Tag, an dem im Apraxin Dwor an der Sadowaja noch Handel betrieben werden darf. Die Beschicker des beliebten Billigbasars müssen umziehen, widersetzen sich aber.
Seit fast 20 Jahren bietet die Apraschka, wie der Markt im Volksmund genannt wird, mitten im Petersburger Stadtzentrum die Gelegenheit, billig einzukaufen. Kleider, Schuhe, aller nur möglicher Klimbim und Kleinkram gingen hier für „nen Appel und´n Ei“ über die einfachen Ladentische.
Das Billigparadies hatte aber auch Nachteile: Kaum jemand, dem oder der dort nicht schon einmal die Geldbörse abhanden gekommen ist. Der Apraxin Dwor galt jeher als Tummelplatz für Diebe und Gauner und war Miliz wie Stadtregierung schon lange ein Dorn im Auge.
Ersatz im Neubauviertel ohne Verkehrsanschluss
Bis Ende 2008 sollte der längst legendär gewordene „Schandfleck mitten in der Stadt“ (O-Ton Gouverneurin Valentina Matwijenko) endgültig verschwinden. Für die Pächter der kleinen Ladenlokale und Straßenstände wurde extra ein neuer Markt errichtet. Dort will sich aber bisher niemand niederlassen.
Kein Wunder: Der auf 600 Stände ausgelegte Markt „Graschdanski“ befindet sich im gleichnamigen Neubauviertel im Norden – weit weg von der Metro und (noch) ohne jede direkte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.
Am Mittwoch besuchte die Gouverneurin höchstpersönlich den neuen Markt, den sich die Stadt 219 Millionen Rubel (ca. fünf Millionen Euro) kosten ließ. Wenn am 16. Januar an der Apraschka endgültig Schluss ist (die Pächter hatten eine letzte „Galgenfrist“ von zwei Wochen bekommen), sollen die Händler hierher umziehen.
Laut Direktion des „Graschdanski“-Marktes sind aber bisher erst 165 Anträge eingegangen – und das, obwohl die Beschicker von der Sadowaja bis 31. Januar Vorzugsrecht genießen und die Monatsmiete nur 1.000 Rubel pro Quadratmeter betragen soll (zum Vergleich: im Apraxin betrug sie 18.000).
Die recht ansehnlichen Gebäude an der Sadowaja sollen saniert werden, das Hofareal hingegen komplett umgekrempelt werden (foto: ld/.rufo)
„Hier kommen doch keine Kunden hin!“
Die potentiellen Pächter haben ganz offensichtlich Angst, dass ihnen die Kunden wegbleiben. Eine Händlerin sagte gegenüber der Internetzeitung Fontanka.ru: „Die neuen Hallen sind hell, warm, bequem. Aber unsere Kunden werden doch nicht so weit fahren. Wir zweifeln dran, dass es Sinn macht, hierher umzuziehen.“
An die Versprechungen der Stadtregierung, möglichst bald Bus- und Straßenbahnanbindung sicherzustellen, wollte gestern auch niemand so recht glauben. „Heute war die Gouverneurin hier, aber in einer Woche hat die Stadt den neuen Markt vergessen“, gab eine Verkäuferin zu bedenken.
Symbol einer Epoche
Der Apraxin Dwor hatte sich Anfang der 1990er Jahre mit der „freien Marktwirtschaft“ etabliert und war längst zum Symbol einer ganzen Epoche geworden. Nun soll dort – vollends im Trend der „neuen Zeiten“ – ein schickes „Multifunktionszentrum“ mit Büros, Geschäften und Freizeiteinrichtungen entstehen.
Dann ist auch dieses Stück altes schmuddeliges Petersburg „bereinigt“, und die Kunden der teuren Boutiquen an der Sadowaja und des schicken Gostiny Dwor schräg gegenüber müssen nicht mehr die Nasen rümpfen, wenn sie an der lang gestreckten klassischen Fassade mit Säulengang vorübergehen.
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Der Containerverkehr aus und in den Petersburger Hafen ist ein deutliches Zeichen für den Wirtschaftsboom in der Stadt wie im ganzen Land. (Foto: Deeg/.rufo)