Donnerstag, 10.01.2008

Ausgespielt: Keine Daddelhallen mehr in Petersburg

Erst werden in Russland die Geldspielautomaten in Casinos verbannt, dann die Casinos in vier grenznahe Zonen (foto: dni.ru)
St. Petersburg. Zum Jahreswechsel mussten in Petersburg alle Spielsalons schließen, in denen Automaten zum Glücksspiel verführten. Dafür gibt es jetzt deutlich mehr Casinos – aber auch die haben nur noch 1,5 Jahre.
Die Fünf-Millionen-Stadt nutzte die Möglichkeiten des scharf geratenen neuen föderalen Glücksspiel-Gesetzes maximal aus: Im April 2007 beschloss die Stadtregierung, den Spielhallen – respektive den dort aufgestellten Geldspielautomaten – nur noch eine Gnadenfrist bis zum Jahresende einzuräumen.

Vorerst weiterarbeiten können nur Lokalitäten, die sich als Casino qualifiziert haben: Dazu mussten bis zum 1. Juli 2007 dort zehn Spieltische angemeldet sein, die von etwa 50 „einarmigen Banditen“ umgeben sein können. Casinos müssen mindestens 800 Quadratmeter groß sein und zudem sich einen Mechanismus einfallen lassen, wie sie Spielsüchtigen den Besuch untersagen können.

Der Casino-Boom ist nur vorübergehend


Diese Gesetzeslage führt dazu, dass sich die Zahl der Casinos in der Newa-Stadt seit dem Sommer von 21 auf etwa 70 erhöht hat, so die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Dafür mussten aber etwa 500 Spielhallen spätestens an Sylvester den Betrieb einstellen. Ihre üblicherweise grellblinkenden Neonreklamen werden somit aus dem Stadtbild verschwinden.

Doch auch für die Casinos sind die Tage gezählt: Gemäß des Glücksspiel-Gesetzes dürfen ab 1. Juli 2009 derartige Institutionen in Russland nur noch in vier Sonderzonen betreiben werden. St. Petersburg gehört nicht dazu, den Zuschlag erhielten die Gebiete Kaliningrad, Altaj, Krasnodar/Rostow-am-Don sowie Primorje.

Statt Spielhallen jetzt Kneipen, Discos oder Billiard


Zumindest die großen Automatenbetreiber in der Stadt haben sich unterdessen ihre Gedanken gemacht, wie sie weiter geschäftlich existieren wollen. Neben der Übergangslösung in Form der Casinos haben einige von ihnen an Stelle der Daddelhallen bereits Kneipen, Nachtclubs, Billardsäle oder Restaurants eröffnet, schreibt die Zeitung. Einige Automatenhallen wurden aber auch schlichtweg geschlossen und werden jetzt neu vermietet.

Die städtischen Behörden wollen im Lauf des Januars flächendeckend kontrollieren, ob die Stilllegung der Spielautomaten auch befolgt wird – und kündigten bei Verstößen strafrechtliche Konsequenzen an.

Die Maßnahmen gegen die Spielsucht treffen dabei auch das Stadtbudget – aber nicht schmerzlich: Wie „fontanka.ru“ berichtet, machten die Abgaben des Spielgewerbes bisher nur ein Prozent des Stadthaushaltes aus – und selbst dies versiegt ja nicht gleich vollständig, da die Casinos vorerst weiter Steuern zahlen.

Glücksspiel im Internet als Ersatzdroge


Für Spielsüchtige kommt die Schließung der Spielhallen aber nicht unbedingt einer Zwangsentziehung gleich: Während das mechanische Glücksspiel auf diese Weise verdrängt wird, boomen im russischen Internet gegenwärtig die Online-Casinos.

Diese sind durch das neue Gesetz zwar eigentlich auch verboten – aber wie alles im Internet weitaus schwerer zu kontrollieren als die schummerigen Etablissements um die Ecke.

(ld/.rufo/St.Petersburg)