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Hier wirtschaften "Floristen" in die eigene Tasche: Autobahnbau im Jahre 2006 vor den Toren Petersburgs (Foto: ld/.rufo)
Hier wirtschaften "Floristen" in die eigene Tasche: Autobahnbau im Jahre 2006 vor den Toren Petersburgs (Foto: ld/.rufo)
Donnerstag, 26.07.2012

Blüte der Korruption: Wie „Flora“ eine Autobahn baute

St. Petersburg. Der wohl größte Bauskandal der Petersburger jüngeren Geschichte wird aufgerollt: Die Pseudo-Baufirma „Flora“ bekam 2008 Aufträge an der Ringautobahn für 15 Mrd. Rubel – Cosa Nostra auf russische Art.

Das Unternehmen mit dem blumig-unschuldigen Namen „OOO Flora“ wurde 2006 von einem gewissen Alexander Korostowzew erworben – als leere Firmenhülle ohne Aktiva.

Doch er und sein Kompagnon Wladimir Sbyschewski hatten damit Großes vor: Sbyschewski brachte jede Menge guter Kontakte in entscheidende Moskauer Verwaltungsebenen ein – vor allem im Sektor des Straßenbaus, beim Verkehrsministerium sowie der Straßenbauagentur RosAvtoDor. Und beide hatten die Idee, aus diesem ideellen Kapital jede Menge reales Geld zu schlagen.

Schon zwei Jahre später war aus dem Blümchen ein filziges Geflecht gewuchert: Flora war reif für den Einsatz – und zwar bei den Ausschreibungen für die damals vom Staat mit Priorität und viel Geld vorangetriebene Petersburger Ringautobahn.

Briefkasten-Firma schlägt Baukonzerne aus dem Feld


2008 bekam das in der Branche völlig unbekannte Unternehmen gleich drei Mal den Zuschlag, als einzelne Bauabschnitte der Autobahn an Auftragnehmer vergeben wurden. Jedes Mal hatte Flora das mit Abstand günstigste Angebot abgegeben – obwohl die Firma über keinen einzigen Bagger oder Lastwagen verfügte.

Die beteiligten Behörden, allen voran die staatliche Baudirektion der Ringautobahn DSTO, wuschen ihre Hände in Unschuld: So sei eben das russische Ausschreibungsrecht, das billigste Gebot müsse eben akzeptiert werden.

Außerdem habe Flora trotz seiner fehlenden Bau-Geschichte alle Zugangsbedingungen erfüllt. Dass es durchaus zahlreiche administrative Möglichkeiten gegeben hätte, den offensichtlich windigen Bewerber aus dem Rennen zu nehmen, übersahen die Flora-Verbündeten dabei galant.

400 Mrd. Euro Spielgeld für die Baumafia


Aufträge über 15 Mrd. Rubel (nach damaligem Kurs etwa 405 Mio. Euro) standen damit in den Büchern der Pseudo-Firma – die nun zu ihren Bedingungen die nach Arbeit gelüstenden Baufirmen der Region als Subunternehmer engagierte. Auf diese Weise kam der Autobahnbau anfangs sogar einigermaßen in Gang – doch wichtiger war, dass der Staat die veranschlagten Summen nach und nach locker machte.

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Inzwischen ist Flora bankrott und Gegenstand umfangreicher Ermittlungen der Petersburger Korruptionsfahnder. Der Filz in die Behörden geht dabei so tief, dass die Ermittler von ihren Chefs aufgefordert wurden, dienstliche Gespräche zur Sache nie über Handy zu führen – denn man wisse nie, welche mit langen Ohren ausgestatteten Staatsstrukturen mit den Beteiligten noch unter einer Decke stecken könnten, berichtet die Petersburger Internet-Zeitung fontanka.ru.

Das Geständnis aus geheimen Ermittler-Akten


Das gut mit Polizei-Kreisen verdrahtete Medium will nach eigenen Angaben von einem Unbekannten einen USB-Stick mit internen Unterlagen zu dem Fall erhalten haben – die sich bei einer Überprüfung als echt wiesen hätten.

Dem Material zufolge haben die Ermittler inzwischen einen geständigen Kronzeugen: Es ist jener Flora-Gründer Korostowzew, der inzwischen offen über die Hintergründe seines Business geplaudert haben soll.

Das Geld fließt - Beamte fühlen sich als Paten


Demnach flossen zehn Prozent aller Auftragssummen als Schmiergelder an die Beamten von DSTO, RosAvtoDor und Verkehrsministerium. Die verstanden sich mit der Zeit als „Paten“ der an dem Schema beteiligten Unternehmen – und wer die zehn Prozent „Otkat“ nicht in seine Kalkulation mit aufnehmen wollte, der ging eben bei der Auftragsvergabe leer aus.

Nach den Anfangserfolgen beim Abfischen der Rubel-Milliarden am Stadtrand von St. Petersburg habe sich das Flora-Geflecht dann schon auf höhere Aufgaben orientiert: Bei der Vergabe der fetten Milliarden-Aufträge für den Bau der Olympia-Objekte in Sotschi wollte man ebenfalls in bewährter Art mitmischen.

Ein fetter Braten im Visier: die Olympia-Projekte von Sotschi


Im sonnigen Süden gewann Flora dann auch prompt 2009 einen ersten Tender über 26 Mrd. Rubel (650 Mio. Euro). Allerdings hatte ein anderer obskurer Mitbewerber namens „Tunnelbrigade Nr. 44“ sich noch billiger angeboten geboten – doch Floras Paten sorgten dafür, dass er disqualifiziert wurde.

Bei Russland-Aktuell
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Doch „auf jeden Paten kommt in Russland früher oder später ein noch mächtigerer Pate“, so fontanka.ru: Die Tunnelbrigade gehörte zum Firmenimperium von Oligarch Oleg Deripaska – und dessen Hilfstruppen sorgten dafür, dass der von Flora gewonnene Wettbewerb annulliert und neu ausgeschrieben wurde.

Bei der erneuten Vergabe der Olympia-Bauten war Flora dann schon nicht mehr dabei – denn inzwischen hatte sich die Firma in St. Petersburg mehr als unbeliebt gemacht und war bereits einschlägig gerichtsbekannt: Die auf der Autobahn-Baustelle aktiven Subunternehmer forderten vergeblich Geld für Arbeit und Material ein – aber Flora ließ sie darben.

Letztlich wurden die Petersburger Ringautobahn KAD dann doch noch fertig - trotz Flora, aber deutlich teuer (Foto: ld/.rufo)
Letztlich wurden die Petersburger Ringautobahn KAD dann doch noch fertig - trotz Flora, aber deutlich teuer (Foto: ld/.rufo)

Der Autobahnbau steht - aber Nobel-Autos rollen


Denn das vom Staat für den Bau an Flora überwiesene Geld (das für einen qualitativ guten Bau ohnehin zu knapp bemessen war) wurde von deren Managern auch noch zweckentfremdet: Den Ermittlern zufolge wurden beispielsweise 250 Mio. Rubel (6,25 Mio. Euro) an eine „OOO Lux“ überwiesen, formell für „Baumaterial und Bauarbeiten“ – faktisch wurden dafür aber 20 Luxus-Autos von Nobel-Marken wie Bentley, Ferrari, Rolls-Royce und Porsche angeschafft.

Auf der Baustelle in St. Petersburg war das Missverhältnis zwischen Finanzierung und geleisteter Arbeit bald nicht mehr zu übersehen: Die selbst in den Sumpf verstrickte Baudirektion DSTO drängte 2009 auf eine Auflösung der drei Verträge mit Flora – zwei wurden gerichtlich gekippt, einer in beidseitigem Einvernehmen aufgehoben.

Floras letzte Blüte: die Dauerbaustelle Obwodny Kanal


Offenbar als moralische Entschädigung bekam das übel beleumundete Unternehmen in dieser Zeit von der Petersburger Stadtverwaltung noch den Großauftrag zur Sanierung der Uferstraßen am Obwodny Kanal unter den „Amerikanischen Brücken“ zugeschoben. Das Resultat ist bekannt: Die für die Verkehrsentlastung der Innenstadt wichtige Trasse ist bis heute nicht befahrbar.

Bei Russland-Aktuell
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Das Ende vom Lied war der Bankrott von Flora – und das Auftreten von einigen alten Mafiagrößen, die offenbar von den verschiedenen beteiligten Seiten als Vermittler, Unterhändler und Drohkulisse aufgeboten wurden. Von den Nobelkarossen fehlt hingegen jede Spur: Der Konkursverwalter beziffert den Besitz der Firma heute auf 100.000 Rubel (2.500 Euro) in Form einiger Büromöbel.

Milliarden-Schaden für die Baubranche und das Budget


Insgesamt sollen die Verdächtigen mittels Flora und anderer Auftragnehmer laut der Ermittler-Akten mindestens 1 Mrd. Rubel (25 Mio. Euro) unterschlagen haben, die sie in New Yorker Immobilien, Yachten, Autos sowie in lettische und amerikanische Bankkonten steckten.

Der direkte Schaden für den Staatshaushalt aus der Flora-Affäre beläuft sich hingegen auf 2,6 Mrd. Rubel (65 Mio. Euro). Dazu kommen die Subunternehmer, denen die Firma bis heute massiv Geld schuldig blieb.

Zehn Prozent Schmiergeld - macht summa summarum ...


Und noch eine beeindruckende Zahl: Da der von Flora an seine Paten abgelieferte "Zehnte" keine neue Erfindung, sondern offenbar die im Straßenbau allgemein übliche Otkat-Größe war, kann leicht angesichts der offiziellen Gesamtkosten der Ringautobahn KAD von 139 Milliarden Rubel (3,5 Mrd. Euro) die Summe berechnet werden, die im Lauf von fünf Bau-Jahren an die Beamten-Mafia ging: Abgezweigte 350 Mio. Euro füllten demnach die Taschen der Funktionäre – und machen sich heute in Form von Spurrillen und Schlaglöchern auf der doch eigentlich neuen Autobahn bemerkbar.

Denn außer mit Pfusch konnten unter diesen Umständen die Baufirmen ja auch nicht auf ihre Kosten kommen.



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