Freitag, 05.10.2012

Kaliningrad: Nach dem WM-Jubel gibt es viel Arbeit

Da heißt es jubeln: Kaliningrad wird Spiele der Fußball-WM-2018 ausrichten. (Foto: Plath/.rufo)
Kaliningrad. Mit Feuerwerk und knallenden Korken haben die Kaliningrader die Nachricht gefeiert, zu den Austragungsorten der Fußball-WM 2018 in Russland zu gehören. Doch nun steht ein gewaltiges Stück Arbeit an.
Es wurde am Ende wirklich die Party, von der alle geträumt hatten. Als Russlands Nationaltrainer Fabio Capello am 29. September gegen 22.30 Uhr den Zettel mit dem Namen „Kaliningrad“ hochhielt auf der Großlandwand am Hotel Kaiserhof, brach auf der Public-Viewing-Tribüne ein Sturm los.

Die Stimme des Moderators ging in Applaus und Jubel unter, kurz darauf jagten die ersten Raketen eines Feuerwerks in den Kaliningrader Nachthimmel, Korken knallten, Autos hupten.

Es hätte nicht viel gefehlt, und Gouverneur Nikolai Zukanow und Oberbürgermeister Alexander Jaroschuk, beide nebst Gefolge zum Show gekommen, hätten sich in den Armen gelegen – doch zu soweit ließen es die beiden politischen Erzrivalen denn doch nicht kommen.

„Das ist ein Gefühl wie bei der Geburt des eigenen Kindes“, sagte Alexander Gwardis, Chef des örtlichen Fußball-Zweitligisten Baltika. „Ich glaube, heute gibt es keine glücklicheren Menschen auf der Welt als uns Kaliningrader.“

Gwardis zählte, wie übrigens auch der bereits halbwegs vergessene Ex-Gouverneur Georgi Boos, zu den eigentlichen Initiatoren der Kaliningrader WM-Bewerbung, in deren Glanz sich neuerdings viele sonnen und nun erst recht sonnen werden.

Ein Stimmzettel für Kaliningrad, einen der elf russischen Gastgeber der Fußball-WM von 2018. (Foto: TV)

Nichts auf ein Ereignis vom Format einer Fußball-WM vorbereitet


Seit der Siegesfeier ist nun fast eine Woche vergangen, und allmählich wird klar, welch gewaltiges Stück Arbeit der russischen Ostsee-Exklave rings um das einstige Königsberg bevorsteht. Denn kaum etwas ist in Kaliningrad und seinem Umland auf ein Ereignis von der Dimension einer Fußball-WM eingestellt.

Von den Grenzübergängen, wo polnische Benzintouristen die Abfertigungsspuren verstopfen und für stundenlange Wartezeiten sorgen, bis hin zu den nicht ansatzweise ausreichenden Hotels und Sportstätten wie dem Fußballstadion „Roter Stern“, das irgendwo in der spätsowjetischen Zeit hängengeblieben ist.

OB Jaroschuk kündigt gigantisches Investitionsprogramm an


Glaubt man Bürgermeister Jaroschuk, rollt jetzt ein Konjunkturprogramm auf das alte Königsberg zu, wie es die Stadt noch nicht erlebt hat. Allein 21 Vier- und Fünfsternehotels sollen neu gebaut und das gesamte City-Straßennetz modernisiert werden – wo immer es geht mit Rad- und rollstuhlgerechten Gehwegen.

Um Kaliningrad vor dem bereits jetzt drohenden Verkehrsinfarkt zu bewahren, ist der Neubau weiterer Brücken über den Pregelstrom und der vierspurige Ausbau der Umgehungsstraße „Bolschaja Okruschnaja“ geplant.

Auch das gesamte System des öffentlichen innerstädtischen Nahverkehrs will Jaroschuk nach dem Vorbild europäischer Großstädte neu strukturieren, Schnellbahnverbindung zum Flughafen inklusive.

„Kaliningrad hat die einzigartige Chance, eine andere Stadt zu werden“, sagte er auf einer Pressekonferenz zu den geplanten Investitionen in Richtung Fußball-Championat. Er kündigte ein spezielles Sanierungsprogramm an, mit dessen Hilfe der grottig-graue Waschbeton der sowjetischen Wohnblocks im Stadtzentrum hinter modernen, farbigen Fassaden verschwinden soll.

Für die Neubebauung des kahlen Schlossplatzes sei ein internationaler Architektenwettbewerb in Vorbereitung, bereits im Frühjahr 2013 gehe die Ausschreibung raus. Offenbar ist in diesem Zuge auch der Abriss der Rätehaus-Ruine kein Tabu mehr.

„Es ist gut für die geplante Neugestaltung, dass auf dem Platz nichts steht“, sagte Jaroschuk. „Noch viel besser wäre es natürlich, wenn auch das Dom Sowjetow verschwände.“

Der alte Königsberger Schlossplatz soll bis 2017 zum Kristallisationskern für ein neues urbanes City-Quartier werden nach Vorbild des Potsdamer Platzes in Berlin – und das Kaliningrader Stadtzentrum vom Platz des Sieges aus in östliche Richtung erweitern.

Neues Stadion mit vier Trainingszentren


Im Mittelpunkt der WM-Pläne steht natürlich der Neubau eines Fußballstadions für 45 000 Zuschauer auf der Oktoberinsel zwischen den Pregelarmen, die alten Königsberger kennen das sumpfige Eiland noch unter dem Namen Lomse.

Rings um die Arena sehen die Architektenentwürfe einen komplett neuen Stadtteil vor – mit modernen Appartement-Wohnhäusern, Schulen, mehreren Parks und einem Wassersportzentrum am Pregel.

Zudem will die Stadt ihre beiden Fußballstadien, „Lokomotiv“ und besagtes Sportfeld „Roter Stern“, nach westlichem Standard aufpeppen. Zusätzlich ist der Neubau von vier Trainingszentren speziell für die WM-Teams geplant.

Die Frage bleibt: Wer bezahlt das alles?


Und das alles bis 2018. Wer das Kaliningrad des Jahres 2012 kennt, dem klingen die Pläne ein wenig nach tausendundeiner Nacht, doch OB Jaroschuk scheint zuversichtlich zu sein, das alles zu schaffen.

In seiner WM-Pressekonferenz stimmte er die Kaliningrader schon einmal auf „fünf Jahre der Großbaustellen, Staus und Gastarbeiter“ ein, zugleich um Investoren werbend, ausdrücklich auch um welche aus dem Westen: „Die Arbeit reicht für alle.“

Mit diesem Plakat präsentiert sich Kaliningrad als WM-Austragungsort. (Foto: Plath/.rufo)
Das Geld auch? Woher das kommen soll und wird, ist nämlich noch keineswegs ausgemacht. Bis auf weiteres halten sich alle mit Summen zurück, was der ganze Zauber denn am Ende kosten wird, lediglich die 500 Milliarden Rubel für die Vorbereitung Russlands auf die Fußball-WM stehen im Raum, prognostiziert von Sportminister Vitali Mutko.

Auf einige Dutzend Rubel-Milliarden dürfte der Investitionsumfang auch in Kaliningrad hinauslaufen, wobei mindestens die Hälfte laut offizieller Rechnung von privaten Investoren kommen soll. Gouverneur Nikolai Zukanow ließ schon einmal warnend verlauten, dass er auf einen sparsamen und effiziente Verwendung staatlicher Mittel achten werde.

„Niemand sollte glauben, dass man über uns jetzt einen Regen von Geld verschütten wird. Haushaltsmittel wird es nur für konkrete Objekte geben, die direkt mit der WM zu tun haben.“

Gouverneur Zukanow gibt den strengen Sparer, Bürgermeister Jaroschuk verspricht das Blaue vom Himmel – so kennt man die Rollenverteilung der politischen Rivalen in Kaliningrad. Dass die Fußballwelt nun bald auf die Stadt blickt, hat daran nichts geändert.

Kaliningrad hofft auf Viertelfinal-Austragung


Insgesamt 64 Spiele wird es 2018 geben in den zwölf WM-Stadien. Kaliningrad hofft schon wegen seiner Lage am Westrand Russlands, nach den Vorrundenpartien auch mindestens ein Achtel- und vielleicht gar ein Viertelfinale austragen zu dürfen. Mehr wäre nicht drin, ab Halbfinale stehen nur noch St. Petersburg und Moskau zur Debatte, für das Endspiel eh nur die Hauptstadt.

Ein erstes WM-Produkt haben die Kaliningrader schon fertig, zumindest im Entwurf: das Plakat zum Championat. Ein aus bläulich schimmerndem Wasser stilisierter Fußballspieler springt darauf mit ausgebreiteten Armen und vollem Einsatz nach einem Ball, der bernsteingolden leuchte.

Im Hintergrund reihen sich architektonische Symbole der Stadtgeschichte aneinander, darunter der Königsberger Dom. Ostsee, Bernstein, Königsberg – mit diesen Symbolen wirbt man hier gern. Sie zeigen viel vom Selbstverständnis der Kaliningrader: ein Stück Russland in Europa.

Das Plakat, sagt Designer Iwan Bakanowski, solle einladende Offenheit und sportlichen Siegeswillen symbolisieren. Kaliningrad wird beides brauchen können – schon in den nächsten sechs Jahren.