Freitag, 21.05.2010

Medwedew verdammt Gazprom-Wolkenkratzer an der Newa

Das Ochta-Center hat einen gewichtigen Gegner gefunden: Dmitri Medwedew ist gegen den Bau (Bild: ohta-center.ru)
St. Petersburg. Die Pläne von Gazprom, in Petersburg einen 400 Meter hohen Büroturm zu bauen, sind schwer erschüttert: Präsident Medwedew hat sich der Position der UNESCO angeschlossen, den Turm besser nicht zu bauen.
Bisher hatte sich die russische Staatsführung, vorneweg die beiden gebürtigen Petersburger Dmitri Medwedew und Wladimir Putin , dezent aus dem Streit um das Projekt „Ochta-Center“ herausgehalten. Es sieht vor, am Newa-Ufer schräg gegenüber des Smolny einen riesigen Gebäudekomplex zu errichten, der von einem 400 Meter hohen Wolkenkratzer überragt wird.

Damit ist es nun vorbei: Präsident Medwedew hat sich in einem internen Rundbrief an föderale und regionale Behörden der Kritik der Kulturerbe-Kommission der UNESCO angeschlossen. Sie hatte Russland dazu aufgefordert, die Arbeiten an dem Projekt zu stoppen und die Bauhöhe des Gazprom-Baus zu überdenken.

Medwedew: Die Unesco ernst nehmen


Medwedew warnte davor, die UNESCO-Empfehlungen zu ignorieren, da dies den konstruktiven Dialog mit der UN-Kulturorganisation behindern und dem Ruf Russlands Schaden zufügen könnte. „Der Präsident hat uns strenge Anweisung erteilt, die exakte Erfüllung der internationalen Verpflichtungen zu gewährleisten, die in der UNESCO-Konvention enthalten sind“, sagte Alexander Kibowski, der Leiter der staatlichen Denkmalschutzbehörde RosOchranKultury.

Kibowski war er auch, der gestern auf einer Denkmalschutzkonferenz in Kislowodsk eher beiläufig das für St. Petersburg geradezu explosive Medwedew-Schreiben verlas. Seine Behörde selbst habe zwar keine entsprechenden Vollmachten, um die UNESCO-Regeln in allen russischen Regionen durchzusetzen.

Matwijenko in der Klemme


Aber die Petersburger Gouverneurin Valentina Matwijenko ist jetzt in einer unangenehmen Lage: Ihre Stadtregierung hat eine Ausnahmegenehmigung für die geplante Bauhöhe von 403 Metern erteilt, obwohl der Bebauungsplan der Stadt hier nur maximal 100 Meter vorsieht. Eine endgültige Baugenehmigung wurde für das Ochta-Center aber bisher nicht erteilt.

Sich offen gegen die Meinung des Präsidenten zu stellen, kann sich das Stadtoberhaupt politisch kaum leisten. Vermutlich ist sie durch Medwedews Demarche jetzt gezwungen, die Höhenabweichung zurückzuziehen – was das Ende für den von britischen Architekten entworfenen „Maiskolben“ bedeuten würde. Die Pläne für den Gebäudekomplex an der Mündung der Ochta in die Newa müssten in diesem Fall gründlich überarbeitet werden.

Dauerstreit zwischen Turm-Befürwortern und Gegnern


Das Projekt wurde und wird von zahlreichen Petersburger Bürgern und Intellektuellen wegen seiner unweigerlichen Auswirkungen auf das einmalige historische Stadtbild hart kritisiert. Versuche von Gegnern, juristisch oder mit einem Referendum gegen den Gazprom-Turm vorzugehen, scheiterten bisher.

Der Gazprom-Konzern und die Befürworter des Milliarden-Vorhabens argumentieren hingegen damit, dass Petersburg nicht in der Vergangenheit stecken bleiben darf und ein neues bauliches Wahrzeichen benötigt. Außerdem befinde sich der Bauplatz außerhalb der historischen Innenstadt.

Wie die Zeitung „Kommersant“ berichtet, war vorerst kein Kommentar der Stadtverwaltung zu dem Thema zu erhalten.