Mittwoch, 29.05.2013

Neue High-Speed-Züge werden nach Kasan umgeleitet

Welche Züge auf den neuen WSM-Strecken verkehren sollen, ist auch noch offen: Die Velaro-Reihe von Siemens (zu der auch der russische Sapsan gehört)hat jedenfalls gute Chancen (Foto: rzd.ru)
Moskau. Das Konzept für den Bau von Hochgeschwindigkeits-Bahnlinien in Russland ist geändert worden: Die erste neu gebaute „WSM“-Linie soll von Moskau nicht nach St. Petersburg, sondern nach Kasan führen.
Wie und wo investiert man als Eisenbahner am besten die Summe von einer Billion Rubel (ca. 25 Mrd. Euro)? Um diese Kardinalfrage ging es am Montag bei einer Beratung unter Beteiligung von Präsident Waldimir Putin und der Spitze der staatlichen Bahngesellschaft RZD.

Das Ergebnis wirft die bisherigen Überlegungen über den Bau von separaten Hochgeschwindigkeits-Trassen der russischen Bahn über den Haufen: Bisher galt dabei als Priorität das Projekt WSM-1, das den Bau einer komplett neuen Bahnstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg vorsah.

Auf ihr sollten eines Tages einmal Highspeed-Züge mit bis zu 400 km/h in 2,5 Stunden von einer Metropole in die andere rauschen. Der Güterverkehr und langsamere Personenzüge würden dabei weiterhin über die bestehende 650 Kilometer lange Strecke rollen. Die Bahn veröffentlichte letztes Jahr sogar bereits Planskizzen, wie sie sich in beiden Städten die neuen WSM-Bahnhöfe vorstellt.

WSM-2 überholt WSM-1: Schnell nach Osten


Doch nun möchte man das Projekt WSM-2 vorziehen: Dabei handelt es sich um eine Bahnlinie von Moskau nach Osten: Mit Stationen in Wladimir, Nischni Nowgorod und Tscheboksary soll sie nach Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan führen. Später könnte diese 800 Kilometer lange Trasse auch bis Jekaterinburg jenseits des Urals verlängert werden, was nochmals 800 Kilometer Strecke bedeutet.

Die Reisezeit von Moskau nach Kasan würde auf diese Weise von gegenwärtig 11,5 Stunden auf 3,5 Stunden schrumpfen. Die Kosten für das Projekt werden gegenwärtig mit 928 Mrd. Rubel (ca. 23 Mrd. Euro) kalkuliert, so RZD-Chef WLADJAK.

70 Prozent in Form von 650 Mrd. würde der Staat übernehmen, den Rest müssten private Investoren und Banken zuschießen. Dazu könnte auf Basis der schon bestehenden Bahn-Tochter „Skorostnije magistraly“ ein Joint-Venture mit den strategischen Investoren gegründet werden, so Jakunin.

Das wichtigste Resultat der Sitzung sei, dass Putin prinzipiell beschlossen habe, für das Projekt Geld zur Verfügung zu stellen. „Das bedeutet, dass wir vom Niveau der Konzepte und Gespräche zur konkreten Arbeit übergehen“, zitiert die Zeitung „Kommersant“ einen Bahn-Vertreter.

Sprint-Strecke nach Petersburg stürzt ab


Dem Bericht zufolge wurde die Hochgeschwindigkeitslinie in Richtung St. Petersburg bei der Beratung sogar um zwei Plätze auf der Prioritätenliste zurückgestuft: Vorrang hätte auch noch eine Strecke von Moskau nach Süden – über Rostow-am-Don nach Adler, dem Bahnhof der Olympiastadt Sotschi.

Hauptargument für diese Grundsatzentscheidung ist, dass es dank des Ausbaus der bestehenden Bahnstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg und der darauf seit Ende 2009 eingesetzten Sapsan-Züge mit 250 km/h Höchstgeschwindigkeit dort bereits eine Reisezeit von nur etwa vier Stunden möglich ist.

Nochmals eine Billion Rubel in diese schon gut entwickelte Verkehrsachse zu investieren, erscheint nicht angebracht, so Experten. Eine deutliche Verbesserung der Verkehrsanbindung des Wirtschaftsraums an der oberen Wolga und der Millionenstädte Nischni Nowgorod und Kasan müsste hingegen ökonomisch für das Land und die Bahn attraktiver sein.

In die Hände spucken - und 2018 fertig sein?


Wenn man in diesem Jahr mit den Planungen konkret beginne, könne die neue Express-Linie nach Osten „theoretisch“ bis zum Jahr 2018 fertig gestellt werden, sagte Verkehrsminister Maxim Sokolow vorsichtig. Zur Fußball-WM in jenem Jahr sollen in Russland schließlich zahlreiche große Infrastrukturprojekte vollendet werden, so zum Beispiel der Bau einer Maut-Autobahn von Moskau nach St. Petersburg.

Hinsichtlich der bislang noch nicht einmal auf dem Papier richtig existenten Kasan-Linie erscheint eine Fertigstellung in nur fünf Jahren dann aber doch ein Wunschtraum zu sein.

Erst recht, wenn man sich vor Augen führt, wie schnell und pünktlich derartige Projekte in Russland üblicherweise realisiert werden.